Wieder wird der Zustand des Landes in düsteren Farben ausgemalt – nicht, um Orientierung zu geben, sondern um Erwartungen zu senken. Wer Zukunft nahezu ausschließlich als Zumutung beschreibt, wer Wettbewerbsfähigkeit aus Verzicht, Verlängerung von Arbeitszeiten und Abbau sozialer Sicherheiten ableitet, liefert keine nüchterne Lagebeschreibung. Er betreibt Interessenrhetorik, die sich als Realismus verkleidet.
Exemplarisch dafür, wie sich der politische Diskurs verschiebt, äußerte der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) öffentlich die Überlegung, das Renteneintrittsalter weiter anzuheben – und hält ein Einstiegsalter von 70 Jahren ausdrücklich für vorstellbar. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall mit der zugespitzten Forderung aufhorchen lassen, die „Rente mit 70“ sei längst überfällig. Zugleich brachte er die Idee ins Spiel, dass erkrankte Beschäftigte ihre Arztkosten zunächst selbst verauslagen sollten. Zum Jahreswechsel wurden diese Positionen durch weitere bundespolitische Debatten flankiert: medial diskutiert wurden unter anderem die Einführung von Karenztagen, längere Wochenarbeitszeiten sowie die Streichung einzelner gesetzlicher Feiertage. Zusammengenommen zeichnen diese Vorschläge das Bild einer arbeitgeberseitigen Agenda, die auf eine weitreichende Neujustierung grundlegender sozialer Sicherungs- und Arbeitsstandards zielt.
Die Muster sind vielfach bekannt: Ökonomische Fragen werden moralisch aufgeladen, strukturelle Defizite in Charakterfragen umgedeutet. Aus staatlichen und unternehmerischen Investitionslücken werden angebliche Bequemlichkeiten der Belegschaften; aus fehlender Infrastruktur wird vermeintliche Arbeitsunlust; aus politischer Unterlassung wird die Behauptung, der Sozialstaat sei das eigentliche Problem. Auf diese Weise lässt sich Verantwortung verschieben – weg von der Frage, was zu tun wäre, hin zu der Frage, wer sich gefälligst mehr anzustrengen habe.
Dabei sind die Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, unbestritten: technologisch, demografisch, ökologisch, geopolitisch. Nur folgt daraus nicht, dass man das Land kleinreden müsste. Im Gegenteil: Rückschritt beginnt dort, wo Fortschritt nicht mehr gedacht, nicht mehr organisiert, nicht mehr ausgesprochen wird. Ein Gemeinwesen, das sich selbst permanent als Problem erzählt, verliert die Fähigkeit, Lösungen als gemeinschaftliche Aufgabe zu begreifen. Pessimismus, der sich für Sachlichkeit hält, bleibt am Ende doch nur Pessimismus – und er ist selten produktiv.
Aber ein Land wird nicht dadurch zukunftsfähig, dass man seine Bevölkerung erzieht, während seine Brücken bröckeln. Und es wird nicht dadurch modern, dass man Sozialstaat und Mitbestimmung zur Last erklärt, während Netze, Schienen, Schulen und Verwaltung im Zeitlupentempo bleiben.
Deutschland ist nicht ideenarm. Deutschland ist umsetzungsarm. In den Betrieben ist die Lage seit langem klar: Es fehlt weniger an Konzepten als an Tempo, Verlässlichkeit und Prioritätensetzung. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Transformation können. Die entscheidende Frage ist, ob wir sie so organisieren, dass sie hier stattfindet – und nicht als Abwanderungsprogramm endet.
„Uns fehlt nicht die Diagnose – uns fehlt die Entschlossenheit zur Therapie“, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Die Behandlungspläne liegen vor, die Werkzeuge sind da. 2026 muss das Jahr werden, in dem wir umsetzen: Industriepolitik als Chefsache, Investitionen mit Tempo, bezahlbare Energie – und klare Zusagen für Standorte und Beschäftigte.“
Die Behauptung, Deutschland lebe „über seine Verhältnisse“, verfehlt den Kern. Dieses Land gehört weiterhin zu den leistungsfähigsten Industriestaaten. Es hat eine starke industrielle Wertschöpfung, eine hohe Qualifikation der Beschäftigten, eine internationale Stellung, die nicht aus Zufall, sondern aus Können entstanden ist. Wer das unterschlägt, verwechselt Stimmung mit Wirklichkeit. Was bremst, ist die zu schwache Modernisierungskraft des Staates und die zu geringe strategische Konsequenz in der Industriepolitik. Über Jahre wurde zu wenig in das investiert, was Produktivität und Innovation überhaupt erst trägt: Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung, Netze, Forschung, Verwaltung. Unterlassene Investitionen sind kein Naturgesetz; sie sind das Ergebnis von Prioritätensetzung – und damit korrigierbar. „Nicht ein zu großer Sozialstaat schwächt den Standort, sondern ein zu schwacher Zukunftsstaat“, so Gröger. „Wer Investitionen verschleppt, zahlt mit Produktivität, mit Vertrauen – und am letzten Ende mit industrieller Substanz. Das müssen wir einen Riegel vorschieben, so darf es nicht weitergehen!“
Deutschland braucht 2026 eine Investitionspolitik, die man sehen kann: begonnene Projekte, funktionierende Ausschreibungen, beschleunigte Verfahren – und einen klaren Unterschied zwischen „angekündigt“ und „gemacht“. Mittel aus dem Sondervermögen müssen in die Realwirtschaft, zusätzlich – nicht als Ersatzposten im Haushalt. Und es braucht eine Verwaltung, die nicht von Prüfvermerk zu Prüfvermerk wandert, sondern ein Staatshandeln, das den Maßstab der Dringlichkeit wieder erkennt. Wenn die öffentliche Hand in Jahren rechnet, während Unternehmen in Quartalen entscheiden, entsteht ein struktureller Nachteil, der mit Appellen nicht zu beheben ist. Kurzum: „Das Geld muss endlich fließen: Bagger müssen rollen“, sagt der Gewerkschafter. „Kein Verschiebebahnhof im Bundeshaushalt, sondern zusätzliche Investitionen, die den Standort stärken.“
Wer Wohlstand vor allem aus Druck und Entzug ableiten will, verkürzt ökonomische Realität auf ein Erziehungsprogramm. Produktivität wächst dort, wo Qualifikation, Technologie und Planungssicherheit zusammenkommen – und wo Mitbestimmung Veränderung nicht als Konfliktprinzip behandelt, sondern als Ordnungskraft wirkt. Erfolgreiche Transformationspolitik beruht nicht auf Kostenkonkurrenz, sondern auf strategischer Steuerung: klare Investitionspfade, kluge öffentliche Nachfrage, Leitmärkte für klimaneutrale und digitale Zukunftstechnologien – und Bedingungen, die Wertschöpfung im Land halten. Wer hingegen den Abwärtswettbewerb predigt, wird am Ende nicht „wettbewerbsfähiger“, sondern abhängiger: von kurzfristigen Kostenvorteilen, von instabilen Lieferketten, von Unsicherheit.
Deutschland hat seine Stärke nie aus Billigkeit bezogen, sondern aus Qualität. Wettbewerbsfähigkeit war hierzulande stets das Ergebnis von Können, Präzision und Erfindergeist – getragen von gut ausgebildeten Beschäftigten und einer industriellen Kultur, die Innovation in Serie bringt. „Natürlich wollen wir wettbewerbsfähig sein“, erklärt der Gewerkschafter. „Aber unser Maßstab war nie der niedrigste Preis, sondern die höchste Leistung. Einen Wettlauf nach unten gewinnen wir nicht. Wir gewinnen, wenn wir in Technik investieren, Menschen qualifizieren und Kompetenz zur Grundlage von Wertschöpfung machen.“
Wer Arbeitsvolumen erhöhen will, sollte nicht mit Schuldzuweisungen operieren, sondern mit Strukturen. Deutschlands Erwerbsbeteiligung ist hoch, die Produktivität pro Stunde stark. Unterschiede in Jahresarbeitszeiten erklären sich vielfach durch Teilzeit, hohe Effizienz und tariflich gestaltete Arbeitszeit – und genau diese Mechanismen haben Beschäftigung in Krisen stabilisiert. Die Hebel liegen dort, wo Politik und Betriebe gestalten können: schnellere Anerkennung von Abschlüssen, gezielte Sprach- und Qualifizierungswege, frühe Integration in Arbeit. Und vor allem: verlässliche Kinderbetreuung und Ganztag, planbare Arbeitszeiten, moderne Arbeitszeitmodelle. Wer Vereinbarkeit nicht organisiert, verschenkt Potenziale – und predigt anschließend über Fleiß. „Die entscheidende Frage ist nicht, wie viele Stunden Menschen noch draufpacken sollen“, führt Gröger aus. „Die Frage ist, ob Politik und Betriebe endlich Bedingungen schaffen, damit vorhandene Fähigkeiten genutzt werden können – ohne Druck, durch Ermöglichung.“
Energie bleibt aber in der Tat eine der härtesten Standortvariablen. Wer Industrie im Land halten will, muss Energie bezahlbar und planbar machen – so, dass Investitionen ausgelöst und Transformationsprojekte möglich werden. Auf Druck der IG Metall kommt nun ein Industriestrompreis, allerdings nicht so, wie er der Industrie helfen wird: Die Gewerkschaft fordert deshalb einen wirksamen Industriestrompreis, der für den gesamten Stromverbrauch gilt und uneingeschränkt mit der CO₂-Strompreiskompensation kombinierbar ist – bei 5 Cent pro Kilowattstunde all inklusive.
Öffentliche Mittel sind richtig, wenn sie Umbau beschleunigen. Sie sind legitim, wenn sie an Verantwortung geknüpft sind. Wer Förderung erhält, muss liefern: Standorttreue, Beschäftigungssicherung, Ausbildung, Qualifizierung, Tarifbindung. Kein staatlicher Rückenwind für Strategien, die am Ende Belegschaften und Regionen zurücklassen. „Kurzum heißt das: Steuergeld und Förderung nur, wenn Unternehmen sich an Standorte und Beschäftigte binden. Transformation ist kein Einbahnstraßenvertrag!“, macht Gröger deutlich.
Die Debatte hat sich zu lange daran gewöhnt, das Groß der Beschäftigten unter Verdacht zu stellen: „zu krank“, „zu bequem“, „zu anspruchsvoll“. Das ist nicht nur falsch, es ist gefährlich – weil es Vertrauen zerstört und Zustimmung untergräbt. Gerechtigkeit heißt: Aufstieg und Teilhabe organisieren, nicht predigen. Und: Lasten fair verteilen. Wenn Solidarität eingefordert wird, müssen diejenigen sichtbar beitragen, die am meisten tragen können – auch finanziell. Eine tragfähige Erbschaftsbesteuerung, eine moderat ausgestaltete Vermögensbesteuerung und solidarische Finanzierungsmodelle, die unterschiedliche Einkommensarten berücksichtigen, würden die Basis verbreitern und die Demokratie stabilisieren.
Zweifelsohne hängt auch der Wirtschaftserfolg des deutschen Geschäftsmodells an dem Bildungsfundament der Belegschaften. Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass der Bildungsstandort Deutschland unter gewissen Defiziten leidet – aber sie sind selten ein Mangel an Ehrgeiz. Sie sind zu oft die Folge ungleicher Startbedingungen und unzureichender Ausstattung: frühkindliche Förderung, Ganztag, Schulqualität, kommunale Finanzkraft. Gleichzeitig bleibt die duale Ausbildung eine Stärke, die gepflegt werden muss: durch moderne Berufsschulen, Weiterbildung, tariflich abgesicherte Qualifizierungswege – und durch Infrastruktur, die Bildung erreichbar macht, auch jenseits der Metropolen. „Wir brauchen ein Land, das Aufstieg organisiert“, schildert der Metaller. „Das ist soziale Politik – und Standortpolitik zugleich.“
Niedergangsrhetorik erzeugt keine Reformfähigkeit, sondern Resignation. Wer dauernd erklärt, warum es nicht geht, bekommt irgendwann genau das: Stillstand. 2026 braucht das Gegenteil: eine Politik der sichtbaren Umsetzung und eine Wirtschaft, die Verantwortung nicht delegiert. „Eine Prise Zuversicht täte dem Land gut. Das können sowohl Arbeitgeber als auch Politik endlich mal wieder ausstrahlen. Wir machen uns stets kleiner als wir sind!“, so der Bezirksleiter abschließend. „Zuversicht entsteht, wenn geliefert wird: Investitionen, bezahlbare Energie, Qualifizierung, faire Regeln. Dann bleibt Wertschöpfung hier – und Zukunft auch.“