Die Geschäftsführung räumt selbst ein, in der Vergangenheit zu bequem agiert, keine ausreichenden Rücklagen gebildet und sich zu stark auf wenige Kunden und eine Branche konzentriert zu haben. Was als späte Selbstkritik formuliert wird, wirft für die Gewerkschaft eine zentrale Frage auf: Wenn diese Versäumnisse bekannt sind – warum sollen nun erneut die Beschäftigten für Managementfehler haften?
Noch im Februar 2025 hatte die Unternehmensleitung der Belegschaft Zuversicht vermittelt. Mit der IG Metall wurde ein Zukunftssicherungstarifvertrag abgeschlossen, der erhebliche Zugeständnisse der Beschäftigten beinhaltete. Verzicht in zweistelliger Millionenhöhe wurde akzeptiert, verbunden mit dem klaren Versprechen der Geschäftsführung, neue Aufträge zu akquirieren und zusätzliche Geschäftsfelder zu erschließen. Teil dieser Vereinbarung war unmissverständlich geregelt: Ab Januar 2026 sollte die tariflich vereinbarte Entgelterhöhung von 3,3 Prozent regulär ausgezahlt werden.
Gleichzeitig wurden in den vergangenen zwei Jahren über ein Freiwilligenprogramm mehr als 600 Arbeitsplätze abgebaut. Diese Einschnitte hat die IG Metall nur deshalb mitgetragen, weil sie als Teil eines tragfähigen Zukunftspfades dargestellt wurden. Heute spricht die Geschäftsführung jedoch von einer existenzbedrohenden Lage des Unternehmens. Für die Gewerkschaft ist das ein alarmierendes Signal: Trotz massiver Zugeständnisse der Belegschaft hat sich die Lage nicht stabilisiert – im Gegenteil, sie wird nun dramatischer beschrieben als zuvor.
Vor diesem Hintergrund fordert die Geschäftsführung für 2026 weitere drastische Maßnahmen. Vorgesehen ist der Abbau von rund 1.500 zusätzlichen Arbeitsplätzen bis Ende des Jahres. Hinzu kommen erhebliche Einkommenseinbußen: rund 45 Millionen Euro jährlich durch Arbeitszeitabsenkungen, weitere 14 Millionen Euro durch das Aussetzen der bereits vereinbarten Entgelterhöhung von 3,3 Prozent ab Januar 2026 sowie zusätzliche elf Millionen Euro durch eine tarifliche Nullrunde. Nach Darstellung der IG Metall sollen diese Einsparungen genutzt werden, um den Personalabbau zu finanzieren. Damit würde die Belegschaft ihren eigenen Stellenabbau bezahlen. „Wer von Zukunft spricht, kann nicht dauerhaft auf Kosten der Beschäftigten sanieren“, erklärt Thilo Reusch, Verhandlungsführer der IG Metall. „Hier werden erneut Opfer verlangt, ohne dass klar ist, wohin der Weg führt. Das untergräbt Vertrauen – und Vertrauen ist die Grundvoraussetzung für jede weitere Einigung.“
Zentrale Forderung der IG Metall ist deshalb Transparenz. Bis heute habe die Geschäftsführung keine belastbaren Angaben zu künftigen Arbeitsstrukturen gemacht. Weder sei nachvollziehbar dargelegt worden, welche Bereiche wegfallen, verlagert oder neu aufgebaut werden sollen, noch gebe es eine verlässliche Personalplanung über das Jahr 2026 hinaus. Trotz mehrfacher Nachfragen in den Tarifverhandlungen seien diese Informationen ausgeblieben. Für die Gewerkschaft ist klar: Ohne eine solche Grundlage ist eine verantwortungsvolle Bewertung der Lage nicht möglich.
Gleichzeitig hält die IG Metall an ihrer tarifpolitischen Position fest. Die Tarifkommission hat eine Entgelterhöhung ab dem 1. Januar 2026 gefordert, die über die bereits fest vereinbarte Steigerung von 3,3 Prozent hinausgeht. Dabei geht es ausdrücklich um einen Inflationsausgleich. „Die Beschäftigten haben reale Kaufkraftverluste getragen und mehrfach verzichtet. Sie haben sich diesen Ausgleich verdient“, so Reusch weiter.
Einen weiteren Personalabbau forciert die Unternehmensführung ausdrücklich. Für 2026 seien betriebsbedingte Beendigungskündigungen zwar ausgeschlossen, doch die IG Metall will diesen Schutz über das Jahr hinaus ausweiten. Umso beunruhigender sei, dass in einer Verhandlungsrunde auch von weiterem Stellenabbau in den Jahren 2029 und 2030 die Rede gewesen sei – ohne jede Konkretisierung. „Das wirft die Frage auf, ob hier ein dauerhafter Schrumpfungspfad vorbereitet wird“, führt der Verhandlungsführer der IG Metall aus.
Wenn die Geschäftsführung zugleich erklärt, auch in zehn Jahren noch Technologieführer sein zu wollen, müsse sie diesen Anspruch mit konkreten Umsetzungsplänen unterlegen. Dazu gehörten nachvollziehbare Aussagen zu Aufträgen, Märkten, Investitionen und Qualifizierung. „Zukunft entsteht nicht durch Schlagworte, sondern durch belastbare Konzepte. Und wenn man diese gemeinsam mit den Beschäftigten erstellt, statt Untergangsrhetorik anzustimmen und die Belegschaft zum Buhmann zu erklären!“, stellt Reusch klar.
Freiwilligenprogramme schließt die IG Metall grundsätzlich nicht aus. Sie seien jedoch nur dann realistisch, wenn sie mit fairen Abfindungen und tragfähigen Perspektiven verbunden seien. Aussagen, dafür stehe kein Geld zur Verfügung, hält die Gewerkschaft für wenig überzeugend. „Es ist Aufgabe der Geschäftsführung, auch die Gesellschafter in die Verantwortung zu nehmen“, sagt der Gewerkschafter. „Wenn behauptet wird, von dort sei keine Unterstützung zu erwarten, stellt sich die Frage, welchen Stellenwert die Zukunft der IAV überhaupt hat.“
In den bisherigen Tarifverhandlungen – am 25. November, 2. Dezember 2025 und zuletzt am 8. Januar 2026 – habe die Arbeitgeberseite kein tragfähiges Zukunftskonzept vorgelegt. Dabei habe das Unternehmen Monate Zeit gehabt, frühzeitig das Gespräch zu suchen. Stattdessen seien weitere Wochen vergangen, ohne dass Substanz nachgereicht wurde.
Das zuletzt präsentierte sogenannte Angebot bewertet die IG Metall als unzureichend. Unter dem Titel „Sicherheit“ wurden Regelungen vorgestellt, die aus Sicht der Gewerkschaft Selbstverständlichkeiten darstellen: Fortführung der Tarifbindung, regionale Präsenz des Unternehmens und der bereits vereinbarte Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2026. „Altbekanntes als neues Angebot zu verkaufen und dafür weiteren Verzicht zu verlangen, ist kein Zeichen von Verantwortung“, so der Metaller Reusch. „Sicherheit entsteht nicht durch Überschriften, sondern durch verlässliche Zusagen und Perspektiven.“
Für die IG Metall ist klar: Zu weiteren Zugeständnissen kann es nur kommen, wenn ein plausibles, nachhaltiges Zukunftskonzept auf den Tisch gelegt wird. Die angekündigte Transformation hin zu einem Tech-Solution-Provider könne ein sinnvoller Weg sein – wenn sie mit konkreten Inhalten, Investitionen und realistischen Beschäftigungsperspektiven unterlegt wird. „Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen zu finden“, betont Reusch abschließend. „Aber wir sind nicht bereit, eine Strategie zu akzeptieren, die Risiken systematisch auf die Beschäftigten abwälzt. Zukunft lässt sich nicht aus Verzicht allein bauen.“
Am heutigen 14. Januar 2026 findet nun ein weiterer Verhandlungstermin statt, bei dem die Arbeitgeberseite massiv unter Zugzwang steht, belastbare Zukunfts- und Beschäftigungsperspektiven bei der IAV zu skizzieren.
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