Das zurückliegende Jahr hat gezeigt – und das vorausliegende wird es ebenfalls zeigen: Die IG Metall ist handlungsfähig, robust und notwendiger denn je. „Wir wissen, was zu tun ist – und wir werden unsere Arbeit auf eine Trendumkehr ausrichten. Es geht darum, gute Industriearbeitsplätze hier im Land zu halten und Zukunft vor Ort zu schaffen!“ Gerade in Phasen des Strukturwandels geht es darum, Veränderung gestaltbar zu machen – mit klaren Regeln, verlässlicher Begleitung und realistischen Perspektiven für die Menschen, die diesen Wandel tragen. 2026 wird ein Jahr, in dem sich in zentralen Branchen entscheidet, wie Zukunft in Deutschland aussieht. In der Metall- und Elektroindustrie, bei Volkswagen und seinen Tochterunternehmen, in der Eisen- und Stahlindustrie sowie in wichtigen Handwerksbranchen stehen Tarifrunden an, die weit über Prozentfragen hinausreichen. Es geht um Richtung, um Verlässlichkeit – und um die Frage, ob industrielle Arbeit hierzulande eine Perspektive behält.
Die IG Metall tritt dabei nicht als Verwalterin des Rückzugs auf. „Wir sind keine Türabschließer einer Industrie im Schrumpfmodus. Unser Anspruch ist ein anderer: Zukunft zu organisieren – mit guten Arbeitsbedingungen, fairen Entgelten und klaren Regeln, die Investitionen, Qualifizierung und Beschäftigung in Deutschland ermöglichen. Tarifpolitik heißt für uns nicht, Verluste zu moderieren, sondern Spielräume zu eröffnen. Für Betriebe, für Beschäftigte – und für eine Industrie, die auch morgen noch hier stattfindet.“
Derzeit spitzen sich weitere Tarifauseinandersetzungen zu – exemplarisch bei MAN in Salzgitter, bei IAV in Gifhorn oder bei Jungheinrich in Lüneburg. So unterschiedlich die betrieblichen Situationen im Einzelnen auch sind, sie verbindet ein gemeinsamer Kern: Immer häufiger ziehen sich Arbeitgeber aus ihrer Verantwortung für die eigenen Belegschaften zurück. Dabei war die Stärke des Industriestandorts Deutschland in früheren Krisen nie das schnelle Wegducken. Sie beruhte auf einem belastbaren Zusammenspiel von Unternehmen, Gewerkschaften und Politik – auf der gemeinsamen Einsicht, dass man durch schwierige Phasen nicht kommt, indem man Beschäftigte zum Risiko erklärt, sondern indem man sie an Bord hält. Betriebe, die ihren Belegschaften Verlässlichkeit gegeben haben, sind aus Krisen nicht geschwächt, sondern gestärkt hervorgegangen.
Heute erleben wir jedoch, dass sich Teile der Arbeitgeberseite hinter Verweisen auf „Rahmenbedingungen“ verstecken – und Verantwortung delegieren, statt sie wahrzunehmen. Wer so handelt, verkennt, was den Standort in der Vergangenheit getragen hat: Vertrauen in Betriebe, die zu ihren Leuten stehen, und Belegschaften, die bereit sind, Veränderung mitzutragen, wenn Perspektiven glaubwürdig bleiben. Ohne dieses gegenseitige Versprechen verliert die Industrie nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch ihre Zukunftsfähigkeit.
All dies enthebt die Politik jedoch nicht ihrer zentralen Pflicht, den industriellen und gesellschaftlichen Rahmen aktiv zu gestalten. Industrie ist kein Naturzustand, sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Sie verlangt nach Verlässlichkeit – nach einem Industriestrompreis, der Investitionen ermöglicht, statt sie zu vertagen, und nach einer Wirtschaftspolitik, die Planungssicherheit schafft, anstatt Risiken zu externalisieren. Ebenso unabdingbar ist eine entschlossene Stärkung der Konjunktur. Wirtschaftliche Dynamik erwächst nicht aus Zurückhaltung, sondern aus Nachfrage. Wer Wachstum will, muss den privaten Konsum beleben – durch spürbare Entlastungen für kleine und mittlere Einkommen, damit wirtschaftliche Teilhabe nicht zur leeren Formel verkommt.
Zugleich führt kein Weg an einer ernsthaften Gerechtigkeitsdebatte vorbei. In Zeiten tiefgreifender Umbrüche entscheidet sich der gesellschaftliche Zusammenhalt daran, ob Lasten fair verteilt werden. Eine solidarische Ordnung lebt davon, dass jene mit besonderer Leistungsfähigkeit auch einen größeren Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Spitzenverdienende tragen in Krisenzeiten eine besondere Verantwortung – nicht als Ausdruck moralischer Überlegenheit, sondern als Voraussetzung für Stabilität, Vertrauen und demokratische Handlungsfähigkeit.
Denn eine Gesellschaft, die sich zunehmend spaltet und Ungleichheit verfestigt, untergräbt ihre eigene Zukunft. Ökonomische Stärke, soziale Balance und politischer Gestaltungswille sind keine Gegensätze – sie bedingen einander. Wo sie auseinanderfallen, verliert ein Land nicht nur an wirtschaftlicher Substanz, sondern auch an innerem Halt.
Die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt richtet den Blick verstärkt auch auf neue Beschäftigungsfelder und Betriebe in zukunftsorientierten Branchen. Wo industrielle Wertschöpfung neu entsteht, will die IG Metall frühzeitig präsent sein und Strukturen der Mitbestimmung und Tarifbindung mit aufbauen. Parallel arbeitet die Gewerkschaft mit Politik und Arbeitgeberverbänden an Instrumenten, um dort, wo betriebliche Perspektiven ausgeschöpft sind, tragfähige Übergänge zu schaffen – von guter Arbeit in neue gute Arbeit. Ziel ist es, Beschäftigte nicht in Brüche zu entlassen, sondern Qualifizierung, Vermittlung und berufliche Neuorientierung so zu organisieren, dass Erfahrung, Kompetenz und Sicherheit erhalten bleiben.