Gedenken 27. Januar – Ein Tag, der uns alle verpflichtet

Es gibt Daten, die nicht vergehen. Sie liegen nicht hinter uns wie ein Kapitel, das man schließt, sondern vor uns wie eine Frage, die bleibt. Der 27. Januar gehört zu diesen Daten.

Nie wieder - Gedenken Opfer Nationalsozialismus

27. Januar 2026 27. Januar 2026


Er erinnert an die Befreiung von Auschwitz – und an die radikalste Entwürdigung des Menschen in der europäischen Geschichte. Millionen wurden aus der Gemeinschaft der Lebenden herausgeschrieben: entrechtet, verfolgt, deportiert, ermordet. Nicht, weil sie etwas getan hätten, sondern weil ihnen abgesprochen wurde, überhaupt jemand zu sein.

Erinnern heißt deshalb nicht: zurückschauen. Erinnern heißt: den Maßstab bewahren. Denn das eigentlich Erschütternde an solchen Verbrechen ist nicht allein ihre Brutalität, sondern die Logik, die sie möglich macht: dass Menschen zu Zahlen werden, zu Kategorien, zu „Fällen“; dass Sprache ihre Wärme verliert und Begriffe zu Werkzeugen der Kälte werden; dass sich eine Gesellschaft daran gewöhnt, nicht mehr zu fühlen, was sie weiß.

Antisemitismus ist in den 2020er-Jahren wieder sichtbar – auf Straßen, in Kommentarspalten, in Andeutungen, in vermeintlich „harmlosen“ Codes. Rassismus wird als Ordnungspolitik verkleidet. Rechte Netzwerke versuchen, Angst zu organisieren. Und mancher meint, Demokratie müsse vor allem „wieder härter durchgreifen“ – gegen die Falschen.

„Erinnerung ist die Arbeit gegen die Abstumpfung“, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Sie hält uns an der Stelle wach, an der es für eine Demokratie gefährlich wird: dort, wo Menschen wieder in Gruppen sortiert, herabgesetzt oder aus dem „Wir“ herausdefiniert werden.“

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: Marcus Biewener.

Erinnern heißt auch innezuhalten, zu reflektieren. Denn die Gegenwart ist voller Beschleunigung: digitale Erregungskreisläufe, ökonomischer Druck, politische Polarisierung, globale Krisen. In dieser Geschwindigkeit wächst die Versuchung, Komplexität durch Sündenböcke zu ersetzen – und Unsicherheit durch Härte zu übertönen. Das ist der Punkt, an dem Erinnerung ihren politischen Sinn bekommt: nicht als Besitz der Vergangenheit, sondern als Schutz vor den alten Abkürzungen des Denkens. Würde ist kein Gefühl, sondern ein Anspruch: dass der Mensch niemals bloß Mittel ist, sondern Zweck. Sobald dieser Anspruch brüchig wird, beginnt etwas, das man anfangs kaum bemerkt. Es beginnt nicht mit Lagern. Es beginnt mit Blicken, die entziehen; mit Worten, die entmenschlichen; mit dem Halbsatz, der jemandem die Zugehörigkeit abspricht. Es beginnt mit dem leisen Einverständnis, dass „man das wohl noch sagen dürfe“ – und endet dort, wo Menschen nur noch als Problem vorkommen.

„Das Böse kommt selten mit Trompeten. Es kommt oft mit Gewöhnung“, sagt der Bezirksleiter der IG Metall. „Und genau dagegen richtet sich Erinnerung: gegen die Gewöhnung an Verachtung.“ Die IG Metall sagt klar: Antisemitismus ist kein „Randproblem“. Rassismus ist keine „Meinung“. Menschenfeindlichkeit ist keine „Provokation“, die man aushalten müsse. Sie ist das Gift, das demokratische Gesellschaften von innen aushöhlt. „Wer heute Hass verharmlost, macht ihn anschlussfähig“, so Metaller weiter. „Und wer ihn anschlussfähig macht, trägt Mitverantwortung für die Folgen. Es gibt hier keine Neutralität.“ In einer Zeit, in der extreme und populistische Kräfte wieder versuchen, den Ton zu setzen, wirkt diese Technik besonders notwendig. Populismus lebt von Vereinfachung. Er macht aus Nachbarn Gegner, aus Kolleginnen Fremde, aus Unzufriedenheit Ressentiment. Er bietet Entlastung durch Schuldzuweisung – und nimmt im Gegenzug das, was eine Demokratie zusammenhält: die Bereitschaft, die Komplexität der Welt auszuhalten, ohne den Menschen abzuwerten.

In den Betrieben entscheidet sich täglich, ob Demokratie gelebt wird: im Respekt, im Widerspruch, in der Gleichbehandlung.

Gewerkschaften haben hier eine besondere Aufgabe, nicht weil sie moralisch überlegen wären, sondern weil sie Gerechtigkeit und Gleichheit organisieren. Mitbestimmung, Tarifautonomie, Solidarität – das sind keine bloßen arbeitsrechtlichen Instrumente. Es sind Formen eingeübter Demokratie: Sie begrenzen Macht, schaffen Regeln, schützen Schwächere, geben dem Einzelnen Rückhalt im Kollektiv. Sie erinnern daran, dass Freiheit ohne soziale Sicherung leicht zur Freiheit der Starken wird. „Solidarität ist kein sentimentales Wort. Solidarität ist ein zivilisatorisches Instrument. Sie verhindert, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden – und sie hält die Idee wach, dass Würde unteilbar ist“, so der Gewerkschafter Gröger.

Demokratie müsse sich dort behaupten, wo sie am konkretesten ist: am Arbeitsplatz. Wer hier schweigt, wenn Menschen herabgewürdigt werden, lässt zu, dass Unrecht normal wird.

Die IG Metall ruft daher ihre Mitglieder auf, den 27. Januar als Anlass zu nehmen, nicht nur zu gedenken, sondern Konsequenzen zu ziehen:

  • Widersprechen, wenn antisemitische oder rassistische Sprüche fallen – im Betrieb wie privat.
  • Schützen, wenn Kolleginnen und Kollegen angegriffen oder ausgegrenzt werden.
  • Aufklären, wenn Lügen und Verschwörungsmythen verbreitet werden.
  • Solidarisch bleiben, gerade wenn Unsicherheit groß ist.

„Auschwitz lehrt keine fertigen Antworten“, sagt Gröger abschließend. „Aber es stellt eine Frage, die uns bleibt: Was sind wir bereit zu tun, damit der Mensch Mensch bleiben darf? Erinnerung heißt: Diese Frage nicht aus der Hand zu legen. Nicht heute. Nicht 2026. Nicht irgendwann.“