„Die wiederkehrende Klage, junge Menschen seien schlechter vorbereitet, weniger leistungsfähig oder weniger qualifiziert als frühere Generationen, begleitet die Bildungsdebatte, solange es Ausbildungsberufe gibt. Eine solche Pauschalkritik greift jedoch zu kurz. Wir erleben in den Betrieben auch zahlreiche engagierte, qualifizierte und wissbegierige junge Menschen, die mit Kreativität, Verantwortungsbewusstsein und Leistungswillen ihren Weg gehen wollen. Unstrittig ist: Deutschland muss deutlich mehr in Bildung investieren – und zwar entlang der gesamten Bildungskette. Das beginnt bei der frühkindlichen Bildung, setzt sich in den Schulen fort und umfasst gleichermaßen die berufliche wie die akademische Bildung. Der Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt liegt hierzulande unter dem OECD-Durchschnitt. Dieser Befund sollte uns Ansporn sein, Bildung endlich als zentrale Zukunftsaufgabe zu behandeln.
Für die IG Metall ist klar: Bildungschancen dürfen nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen! In der Realität tun sie es jedoch noch immer viel zu häufig. Schritte wie die Beitragsfreiheit in Teilen der frühkindlichen Bildung, die Abschaffung von Studiengebühren oder auch Instrumente wie die Meisterprämie sind wichtige Signale. Dennoch bestehen zahlreiche finanzielle Hürden fort – etwa, wenn zusätzliche Förderung, Lernmaterialien oder Nachhilfe notwendig werden. Wer es sich leisten kann, verschafft seinen Kindern Vorteile. Das widerspricht dem Anspruch auf faire und vergleichbare Startbedingungen.
Wir sollten junge Menschen stärken, ihnen etwas zutrauen und sie ernst nehmen. Sie sind es, die unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft künftig tragen werden. Gleichzeitig müssen wir kritisch auf bestehende Strukturen im Bildungssystem blicken. Es mangelt vielerorts an systematischer beruflicher Orientierung. Der DGB Niedersachsen fordert deshalb ein Ankerfach Berufsorientierung für alle ab Klasse 7 in den allgemeinbildenden Schulen. Zu häufig dominiert die Vorstellung, akademische Bildung sei der alleinige Maßstab für Erfolg, während die duale Ausbildung und berufliche Bildung nicht die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen. Für eine starke Industrie und ein innovatives Handwerk ist genau diese Balance jedoch entscheidend. Wir brauchen nicht nur Master, sondern auch Meister!
Darüber hinaus stehen wir als Gesellschaft vor gewaltigen Herausforderungen – von der Klimakrise über geopolitische Konflikte bis hin zu kollabierenden Sozialsystemen und wirtschaftlichen Umbrüchen. Diese Aufgaben lassen sich nicht allein mit klassischen Fachkompetenzen bewältigen. Wir brauchen stärker als bisher den Blick auf Zukunftskompetenzen: kritisches Denken, Problemlösungsfähigkeit, Selbstorganisation, Resilienz, Kreativität, Kommunikations- und Teamfähigkeit sowie digitale Kompetenzen. Bildung muss junge Menschen befähigen, sich in einer komplexen und sich rasant verändernden Welt zu orientieren und aktiv mitzugestalten. Eine zukunftsfähige Bildungsstrategie ist damit weit mehr als Schulpolitik – sie ist Gesellschafts-, Demokratie- und Industriepolitik zugleich.“