Wertschöpfung in Europa darf weder bei öffentlichen Förderprogrammen noch bei großen Investitionsvorhaben dem Zufall überlassen bleiben. Wer hier produziert, investiert oder vom europäischen Markt profitiert, muss auch zur industriellen Substanz und zu guter, tarifgebundener Arbeit in Europa beitragen.
Für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist das eine Frage der industriellen Basis. Automobil- und Zulieferindustrie, Stahl, Maschinenbau sowie energie- und klimapolitisch relevante Zukunftsbranchen prägen ganze Regionen und sichern hunderttausende qualifizierte Arbeitsplätze.
Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, erklärt: „Wir befinden uns in einer Phase intensiver industriepolitischer Konkurrenz. Andere Wirtschaftsräume knüpfen staatliche Förderung ebenso wie Marktzugang an klare Bedingungen für heimische Produktion. Europa muss hier entschlossener handeln. Wer hier Fahrzeuge verkauft oder Schlüsselkomponenten einsetzt, muss auch europäische Wertschöpfung stärken – das ist für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt von zentraler Bedeutung. Das stärkt Resilienz und reduziert Abhängigkeiten.“
Der Umbau hin zu einer ressourcenschonenden und zugleich wettbewerbsfähigen Industrie – insbesondere der Übergang zur Elektromobilität – verlangt tiefgreifende strukturelle Veränderungen, technologische Innovationen und erhebliche öffentliche wie private Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig geraten bestehende Standorte und damit verbundenen Belegschaften unter Druck. Ohne klare Vorgaben besteht das Risiko, dass zentrale Produktionsstufen – etwa bei Batteriezellen, Halbleitern oder industriellen Vorprodukten – außerhalb Europas aufgebaut werden, während hier lediglich Endmontage oder Vertrieb verbleiben.
Local-Content-Regeln sind aus Sicht der IG Metall eine Antwort auf unfaire Wettbewerbsbedingungen. Staaten wie die USA oder China schützen ihre Märkte mit Zöllen, Subventionen und industriepolitischen Auflagen. Europa darf seine industrielle Basis nicht preisgeben, während andere sie strategisch absichern.
Zugleich geht es um Versorgungssicherheit und technologische Souveränität. Die Erfahrungen aus Pandemie, Energiekrise und geopolitischen Konflikten haben gezeigt, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Wenn Schlüsselkomponenten und kritische Technologien überwiegend außerhalb Europas gefertigt werden, entstehen neue Abhängigkeiten – mit erheblichen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Risiken.
Auch bei öffentlichen Aufträgen ist ein Umdenken erforderlich. Steuergelder müssen so eingesetzt werden, dass sie den größten volkswirtschaftlichen Nutzen entfalten. Wer Infrastruktur baut, Fahrzeuge beschafft oder industrielle Modernisierung fördert, sollte damit zugleich heimische Wertschöpfung stärken. Reine Preisorientierung greift zu kurz, wenn dadurch industrielle Fähigkeiten und Beschäftigung verloren gehen. „Wer Zukunftstechnologien fördert und hier am Markt aktiv ist, trägt Verantwortung für die industrielle Basis. Niedersachsen mit seiner starken Automobilindustrie und Sachsen-Anhalt mit seiner Grundstoff- und Stahlindustrie dürfen nicht an Wertschöpfung verlieren. Es geht darum, industrielle Kerne zu sichern und weiterzuentwickeln“, so der Metaller.
Für die IG Metall ist dabei entscheidend, dass Local Content nicht allein Produktionsvolumina betrifft. Investitionen – ob öffentlich gefördert oder privat finanziert – müssen mit tarifgebundener Beschäftigung, Qualifizierung und langfristigen Standortperspektiven verbunden sein. „Es geht um stabile Wertschöpfungsketten, um Ausbildungsplätze und um verlässliche Arbeitsbedingungen. Local Content ist ein Instrument, um industrielle Entwicklung und gute Arbeit zusammenzuführen – und damit die wirtschaftliche Basis unserer Regionen dauerhaft zu stärken“, betont der Bezirksleiter abschließend.
Die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt erwartet daher, dass Landesregierungen und Landtagsfraktionen die Bedeutung dieser Frage für ihre Standorte anerkennen und aktiv werden. Dazu gehören eigene parlamentarische Initiativen sowie die konsequente Nutzung der Einflussmöglichkeiten im Bundesrat, um verbindliche Local-Content-Regelungen auf Bundes- und europäischer Ebene voranzubringen.