Angesichts anhaltender konjunktureller Schwäche, struktureller Transformationskosten und wachsender internationaler Konkurrenz braucht das Land eine strategisch angelegte Industriepolitik, die Wettbewerbsfähigkeit, technologische Erneuerung und Beschäftigungssicherung miteinander verbindet.
Sachsen-Anhalt ist einer der industriellen Maschinenräume in Ostdeutschland. Stahl, Chemie, Maschinen- und Anlagenbau, Automobilzulieferer, Energietechnik sowie neue Technologiefelder prägen die wirtschaftliche Struktur. Diese industrielle Dichte ist kein historischer Zufall, sondern Ergebnis langfristiger Investitionen, hoher Qualifikation und gewachsener Wertschöpfungsnetzwerke. Sie sichert Einkommen, Ausbildungsperspektiven und regionale Stabilität.
Der Druck auf diese Strukturen ist jedoch erheblich. Energiepreise, geopolitische Spannungen, globale Überkapazitäten und Transformationsanforderungen in Richtung Klimaneutralität verändern Wettbewerbsbedingungen fundamental. In einzelnen Betrieben ist die Situation angespannt, teilweise kritisch. Das ist Realität – und verlangt verantwortungsvolles Handeln.
Gleichzeitig greift es zu kurz, jede Standortentscheidung ausschließlich auf politische Rahmenbedingungen zurückzuführen. Unternehmen tragen unternehmerische Verantwortung für strategische Ausrichtung, Innovationsfähigkeit und Investitionsentscheidungen. Wer in wirtschaftlich starken Jahren Erträge erzielt, ist in schwierigen Phasen gefordert, industrielle Kerne zu stabilisieren, neue Geschäftsfelder zu erschließen und Beschäftigung zu sichern – statt vorschnell Personal abzubauen oder Produktion zu verlagern.
Frühere Krisen haben gezeigt, dass kooperative Instrumente tragfähig sind: Zukunftstarifverträge, Arbeitszeitmodelle, Qualifizierungsinitiativen und verbindliche Investitionszusagen haben dazu beigetragen, Know-how im Land zu halten und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Diese Form von Verantwortung darf nicht durch kurzfristige Renditeerwägungen ersetzt werden.
Gleichwohl steht auch die Politik in der Pflicht. Verlässliche Energiepreise, beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine leistungsfähige Infrastruktur sowie gezielte Innovationsförderung sind zentrale Standortfaktoren. Industriepolitik muss strategischer, koordinierter und langfristiger ausgerichtet werden. Öffentliche Fördermittel sollten konsequent an Investitionszusagen, Beschäftigungssicherung und Tarifbindung gekoppelt sein. Subventionen dürfen nicht mittelbar Standortverlagerungen befördern.
„Belegschaften haben sich flexibel gezeigt, haben Kurzarbeit getragen, Mehrarbeit geleistet und Wandel mitgestaltet. Es kann nicht sein, dass von ihnen immer neue Anpassungen verlangt werden, während Investitionszusagen ausbleiben. Flexibilität ist keine Einbahnstraße – sie setzt Sicherheit, Perspektive und klare Standortbekenntnisse voraus. Hier stehen Unternehmen und Politik in der Verantwortung!“, so Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall.
Der Gewerkschafter führt aus: „Industrieller Wandel darf nicht zum Synonym für Abbau und Arbeitslosigkeit werden. Öffentliche Mittel müssen konsequenter an Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung im Land gebunden sein. Sonst finanzieren wir Strukturwandel – aber verlieren industrielle Substanz!“
Die industrielle Transformation eröffnet erhebliche Potenziale: Wasserstoffwirtschaft, ressourcenärmere Stahlproduktion, Speichertechnologien, digitale Produktionsprozesse und KI-gestützte Anwendungen. Sachsen-Anhalt verfügt über industrielle Kompetenz, Forschungskapazitäten und qualifizierte Fachkräfte, um diese Potenziale zu realisieren.
Entscheidend ist, dass technologische Entwicklung und industrielle Fertigung zusammen gedacht werden. Wertschöpfung entsteht dort, wo Innovation in Produktion überführt wird. Ein reiner Forschungsstandort ohne industrielle Umsetzung verliert langfristig Substanz.
„Sachsen-Anhalt verfügt über das Potenzial, als Industriestandort gestärkt aus der Transformation hervorzugehen. Voraussetzung ist jedoch, dass technologische Entwicklung, strategische Investitionen und industrielle Fertigung konsequent miteinander verzahnt werden. Wer entwickelt, aber nicht produziert, überlässt anderen die Wertschöpfung. Ohne industrielle Umsetzung entsteht Abhängigkeit von ausländischen Lieferketten statt eigenständiger wirtschaftlicher Stärke!“, so der Metaller.
Die IG Metall schlägt daher eine regionale Initiative für Arbeit und Aufschwung vor, die folgende Elemente umfasst:
- ein klares Bekenntnis zum Industriestandort Sachsen-Anhalt,
- verbindliche Investitions- und Standortzusagen in Transformationsbranchen,
- systematische Qualifizierungsoffensiven für neue Technologien,
- Stärkung regionaler Lieferketten und industrieller Netzwerke,
- Stärkere Kopplung öffentlicher Aufträge und Fördermittel an regionale Wertschöpfung und Tarifbindung.
„Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um klare Verantwortlichkeiten. Weder pauschale Kritik an politischen Rahmenbedingungen noch reflexhafte Sparprogramme schaffen Zukunft. Notwendig ist eine koordinierte Strategie, die Investitionen mobilisiert, Innovation beschleunigt und industrielle Wertschöpfung im Land hält. Sachsen-Anhalt verfügt über die industrielle Substanz, um den Wandel erfolgreich zu gestalten. Voraussetzung ist jedoch, dass Unternehmen, Politik und Tarifparteien ihrer jeweiligen Verantwortung gerecht werden!“, so Gröger abschließend.