„Die Zukunft des Autos wird hier entschieden – und sie wird nur dann erfolgreich, wenn Politik und Unternehmen endlich an einem Strang ziehen“, sagte Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Transformation darf kein anderes Wort für Arbeitsplatzabbau sein. Es geht nicht um weniger Industrie, sondern um eine erneuerte – klimafreundlich, innovativ, aber auch sozial gerecht.“
Niedersachsen gilt als industrielles Herz der Automobilnation. Doch in vielen Betrieben ist die Lage angespannt: Zulieferer kämpfen mit hohen Energiepreisen, stockenden Investitionen und Rationalisierungsdruck. Belegschaften spüren Unsicherheit und wachsende Sorge um ihre Zukunft. „Wenn Niedersachsen hustet, bekommt Auto-Deutschland Fieber“, warnte der Metaller. „Der Verlust industrieller Arbeit bedeutet immer auch den Verlust von Wertschöpfung, Know-how und gesellschaftlicher Stabilität.“
Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, übermittelte aus Frankfurt seine solidarischen Grüße an die Kundgebungsteilnehmer. Der Metaller unterstreicht: „Deutschland hat ein Problem in den Chefetagen. Zu vielen fehlt der Weitblick, das Händchen für zukunftsorientierte Unternehmensstrategie. Stattdessen alte Rezepte und Defensive: Abbau, Verlagerung, Schuld auf Politik schieben. Wir brauchen wieder Unternehmer, die wirklich etwas unternehmen, anstatt einfach wegzulaufen, wenn es hier schwierig wird. Neue Produkte, neue Geschäftsideen, neue Technologien – hier sind die Unternehmen gefordert. Natürlich muss die Politik einen verlässlichen Rahmen für unternehmerisches Handeln setzen, aber auch gezielt und steuernd eingreifen, um Arbeitsplätze zu sichern, heimische Wertschöpfung zu stärken und den Standort Zukunftsfest zu machen: mit dauerhaft wettbewerbsfähigen Energiepreisen, Investitionen in die Infrastruktur und mit gezielter Förderung für den klimagerechten Umbau der Betriebe. Dabei muss klar sein: Staatliche Unterstützung gibt es nur für Unternehmen, die Beschäftigung sichern, Standorte erhalten und vor Ort investieren.“
Zugleich nahm die IG Metall Arbeitgeber und Politik gleichermaßen in die Pflicht. Eine aktuelle Befragung der Gewerkschaft zeigt: Weniger als die Hälfte der Betriebe unter Anpassungsdruck verfügt über eine belastbare Transformationsstrategie, und nur 38 Prozent beziehen Betriebsräte aktiv in Zukunftsfragen ein. „Das ist ein Alarmsignal“, führt Gröger aus. „Wer über Wandel redet, aber keine Pläne hat, handelt nicht vorsichtig – er handelt fahrlässig. Transformation ohne Konzept ist Stillstand mit Ansage.“
Mit Blick auf die Bundespolitik zeigte sich der Gewerkschafter differenziert: „Unser Druck wirkt – beim Industriestrompreis, bei der Verlängerung des Kurzarbeitergeldes und endlich auch in der Automobilpolitik. Die Verständigung der Bundesregierung über den Kurs Richtung 2035 und darüber hinaus ist ein wichtiges Signal. Richtig ist, dass Deutschland weiter auf Elektromobilität setzt, zugleich aber mit Hybrid- oder Range-Extender-Konzepten einen flexibleren Übergang ermöglicht. Dennoch ist klar: Die Hauptverkehrsader lädt mit Strom. Das schafft Planungssicherheit – für Betriebe, Beschäftigte und Verbraucherinnen und Verbraucher gleichermaßen.“
Gleichzeitig unterstrich der Bezirksleiter der IG Metall, dass der Erfolg der Elektromobilität nicht an Förderkulissen allein hängt: „Die beste Prämie nützt nichts, wenn Strom an öffentlichen Ladesäulen doppelt oder dreifach so teuer ist wie zu Hause an der Wallbox. Wer will, dass Menschen umsteigen, muss es ihnen auch ermöglichen. Der Preis für öffentlichen Ladestrom muss unter 50 Cent pro Kilowattstunde sinken.“
Für die Gewerkschaft ist entscheidend, dass die Antriebswende auch sozial gestaltet wird. „Wir brauchen ein sozial ausgestaltetes Leasingmodell, das auch Menschen mit mittleren und kleinen Einkommen den Zugang zur E-Mobilität ermöglicht. Dazu gehören attraktive Programme zur Stärkung des E-Gebrauchtwagenmarktes. Elektromobilität darf kein Privileg für Besserverdienende sein – sie muss zum Alltag werden.“, untermauert Gröger.
Nicht zuletzt richtet die IG Metall einen klaren Appell an die Hersteller: „Auch die deutschen OEMs müssen liefern – im wahrsten Sinne des Wortes“, forderte Gröger. „Wer Wettbewerbsfähigkeit sichern will, darf nicht nur Premium denken. Die chinesische Konkurrenz zeigt, dass attraktive, erschwingliche Modelle keine Zukunftsvision, sondern Marktrealität sind. Wir brauchen endlich wieder Fahrzeuge, die sich Menschen mit normalen Einkommen leisten können. Innovation bedeutet nicht, Luxus smarter zu machen, sondern Mobilität bezahlbar zu halten. Da ist einiges in der Pipeline, wichtiger ist, dass es auf der Straße ankommt.“
Er forderte von den Konzernen, die industrielle Basis in Europa konsequent zu stärken: „Wir brauchen Skaleneffekte, insbesondere bei der Batteriezellfertigung, um Kosten zu senken.“ Zugleich mahnt die IG Metall eine deutlich höhere industrielle Resilienz an. „Wir brauchen dringend belastbare und funktionierende Wertschöpfungsketten. Die Krise bei Nexperia hat gerade erst wieder gezeigt, wie verletzlich und abhängig unsere europäische Industrie inzwischen ist. Es kann nicht sein, dass für unsere industrielle Zukunft entscheidende Komponenten aus Fernost stammen. In zentralen Zukunftstechnologien wie beispielsweise in der Fertigung von Batteriezellen, der Halbleiterindustrie oder auch im Bereich Software müssen wir in Deutschland und Europa unbedingt eigenständiger werden, wenn wir gute Arbeitsplätze und Wohlstand hierbehalten wollen. Das geht nur mit aktiver, strategischer Industriepolitik, die lokale Wertschöpfung fördert, und einem Unternehmertum, das auf Innovationen statt Sparprogramme setzt und Verantwortung übernimmt“, sagt Flavio Benites, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg.
Thorsten Grögers Fazit: „Das Auto der Zukunft ist elektrisch – aber es darf nicht zum reinen Importprodukt werden. Die Mobilitätswende gelingt nur, wenn Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung hier vor Ort bleiben. Dafür braucht es eine Industriepolitik, die in Köpfe, Werke und Menschen investiert!“