Laut, entschlossen und mit klarer Haltung: Mit Pyro, Bannern und Sprechchören hat die IG Metall-Jugend am Dienstagabend vor der Staatsoper Hannover ein kraftvolles Signal gesendet. Rund 100 junge Metallerinnen und Metaller demonstrierten im Rahmen der landesweiten Kampagne „Advent, Advent – unsere Zukunft brennt“. Im Mittelpunkt der Aktion stand die Kritik an sozialpolitischen Schieflagen – und ein deutliches Nein zu einem Wehrdienst, der durch die Hintertür wieder verpflichtend werden könnte. Zudem richtete sich der Protest gegen eine Politik, die, so die Jugend, „über uns entscheidet, aber nicht mit uns spricht“.
Ihre Botschaft war unmissverständlich: „Unsere Zukunft ist kein Pflichtdienst!“ Gemeint ist der Wehrdienst, dessen Reaktivierung die Bundesregierung über das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz technisch und organisatorisch erleichtern will – ein Schritt, der nach Ansicht der jungen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter den Weg für eine spätere Verpflichtung ebnen könnte. Für die Jugend ist das ein politischer Irrweg: Pflichten diskutieren, aber Perspektiven vernachlässigen.
„Während in Berlin über neue Verpflichtungen für junge Menschen debattiert wird, fehlt es an allem, was Zukunft überhaupt ermöglicht: bezahlbares Wohnen, faire Ausbildungsvergütungen, sichere Jobs“, kritisierte Jugendsekretärin Simone Däuwel. „Das ist kein Generationenvertrag, das ist Bevormundung. Wir brauchen keine Pflichtjahre – wir brauchen Jahrzehnte voller Chancen.“
Die Aktion vor der Oper war laut, kreativ und atmosphärisch eindrucksvoll. Wo sonst Arien erklingen, wurde der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit laut. Auf der Fassade leuchtete die Projektion: „Nicht unsere Pflicht!“ oder „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“.
Däuwel schärfte den Punkt: „Wenn junge Menschen Lücken schließen sollen, die aus politischer Mutlosigkeit und wirtschaftlicher Fehlsteuerung stammen, ist das keine Lösung, sondern eine Bankrotterklärung. Zwangsdienste ersetzen nicht, was jahrelang vernachlässigt wurde – weder in der Pflege noch bei der Bundeswehr.“
Während die Regierung über Wehrdienstmodelle diskutiert, kämpfen junge Menschen längst mit ganz anderen Zumutungen: explodierenden Mieten, unsicheren Jobs, fehlenden Ausbildungsplätzen. „Viele Azubis wissen nicht, wie sie ihre Miete stemmen sollen oder ob sie nach der Ausbildung übernommen werden – und die Politik sieht die Lösung im Wehrdienst“, so Sebastian Kühne, Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung bei Volkswagen in Wolfsburg.
Die IG Metall-Jugend fordert deshalb einen klaren Kurswechsel: Investitionen statt Zwangsdebatten, Chancen statt Ablenkungsmanöver, Zukunft statt Symbolpolitik. Pandemie, Krieg, Inflation, Klimakrise und Jobunsicherheit hätten der jungen Generation längst mehr abverlangt, als viele Entscheidungsträger wahrhaben wollen. „Wir können nicht die Versäumnisse anderer ausbaden“, so Selin Cakir, JAV-Vorsitzende bei der Salzgitter Flachstahl. „Wir brauchen bezahlbares Leben, starke Berufsschulen, faire Vergütungen und eine Politik, die uns ernst nimmt. Verantwortung übernehmen wir gerne – aber nicht unter Androhung eines Pflichtdienstes, der durch die Hintertür wieder salonfähig gemacht wird.“
Der Protest war gleichzeitig ein Appell an Politik und Wirtschaft, soziale Nachhaltigkeit endlich ernst zu nehmen. Zukunft entstehe nicht durch Zwang, sondern durch Sicherheit, Mitbestimmung und Vertrauen. „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Prioritätenproblem“, betonte Däuwel. „Für Aufrüstung werden Milliarden bereitgestellt, für Jugendwohnheime, Ausbildungsförderung oder moderne Berufsschulen angeblich nicht. Das ist die echte Schieflage.“
Auch die Arbeitgeber wurden adressiert: „Eine starke Wirtschaft braucht eine starke Ausbildung“, so die Metallerin. „Wer über Fachkräftemangel klagt und parallel Ausbildungsplätze streicht, handelt widersprüchlich.“ Die Botschaft zum Abschluss blieb glasklar: „Wir lassen uns nicht in Pflichtdienste drängen, während andere sich aus der Verantwortung stehlen. Unsere Generation braucht keine Musterungsunterlagen – sie braucht Miet- und Ausbildungsverträge. Wir sind die Zukunft – und wir wollen sie mitgestalten!“
Die Aktion war Teil der landesweiten IG Metall-Kampagne „Advent, Advent – unsere Zukunft brennt“, mit der die Gewerkschaft in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gegen industrielle Entwertung, soziale Ungleichheit und politische Mutlosigkeit mobilisiert.