Der Kern ist schlicht: Wer Entgelte einfriert oder Verhandlungen verschleppt, verschärft genau jene Engpässe, die Unternehmen seit Jahren beklagen – Fachkräftemangel, Fluktuation, sinkende Attraktivität. Und wer Kaufkraft erodieren lässt, schwächt die Binnenkonjunktur in einer ohnehin fragilen Lage. Tarifpolitik ist nie Beiwerk, sondern stets Ordnungsinstrument: Sie stabilisiert Planbarkeit, setzt Standards und verhindert, dass Unsicherheit zur Geschäftsgrundlage wird. Im Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt steht in diesem Tarifjahr eine einfache Rechnung im Raum: Entgelte müssen die Preis- und Abgabenrealität der Haushalte abbilden; Ausbildung muss konkurrenzfähig vergütet werden; Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet sein, dass Arbeit dauerhaft leistbar bleibt. Alles andere ist Verschleißpolitik – und der Verschleiß kommt am Ende teurer als jede Erhöhung.
Metall- und Elektroindustrie: Vorbereitung auf die Herbst-Runde 2026
In der Metall- und Elektroindustrie kann die IG Metall die Entgelttarifverträge in den einzelnen Tarifgebieten mit einer Frist von einem Monat zum Monatsende erstmals zum 31. Oktober 2026 kündigen. In der mit bundesweit mehr als 3,7 Millionen Beschäftigten größten Industriebranche ist der IG Metall-Bezirk in drei Tarifgebiete gegliedert: Niedersachsen, Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim sowie Sachsen-Anhalt. Ab dem Frühjahr beginnt in den Regionen die interne Willensbildung: Die Tarifkommissionen der IG Metall eröffnen die Forderungsdiskussion und fassen im weiteren Verlauf einen Beschluss. Die eigentlichen Tarifverhandlungen starten im frühen Herbst. Die Friedenspflicht endet am 31. Oktober; ab dem 1. November sind Warnstreiks zulässig. Für Spekulationen über konkrete Forderungen sei es derzeit jedoch verfrüht. Die IG Metall legt ihre Linie nicht am Schreibtisch fest, sondern in einem demokratischen Prozess ihrer Gremien.
Volkswagen: Haustarif – Entgelttarifverträge kündbar zum Jahresende
Für die Volkswagen AG gilt ein eigener Haustarifvertrag, bundesweit einer der größten. Die Entgelttarifverträge können mit einer Frist von zwei Monaten zum 31. Dezember 2026 gekündigt werden; betroffen sind rund 120.000 Beschäftigte. Der Haustarifvertrag gilt für die Standorte der Volkswagen AG in Braunschweig, Emden, Hannover, Kassel, Salzgitter und Wolfsburg. Hinzu kommt ein Schritt von besonderer Symbolik und praktischer Tragweite: Seit dem 1. Januar 2026 gelten für die VW-Beschäftigten in Sachsen dieselben tariflichen Bedingungen wie für die Kolleginnen und Kollegen in Niedersachsen und Hessen. Damit ist eine Angleichung vollzogen, die die IG Metall gemeinsam mit den Beschäftigten in mehreren Tarifrunden seit 2021 durchgesetzt hat – und die nach den ursprünglichen Vereinbarungen erst ab 2027 beginnen sollte. Durch den Tarifabschluss vom Dezember 2024 wurde dieser Zeitplan um ein Jahr vorgezogen. Das betrifft ausdrücklich auch die Arbeitszeit: Mit dem Jahreswechsel gilt die 35-Stunden-Woche nun auch in den sächsischen VW-Werken. Die VW Sachsen GmbH umfasst die Standorte in Chemnitz, Dresden und Zwickau. Die Volkswagen Osnabrück GmbH ist wiederum Teil der Metallindustrie Niedersachsen. Darüber hinaus gilt der Haustarifvertrag auch bei den Tochtergesellschaften Volkswagen Financial Services, Volkswagen Immobilien sowie dx.one.
In der Auseinandersetzung 2024 lag nicht weniger auf dem Tisch als die Frage, ob Volkswagen Standorte in Deutschland dauerhaft ausdünnt. Die Arbeitgeberseite hatte angekündigt, ganze Werke von der Landkarte zu streichen, kündigte die jahrzehntelang bewährte Beschäftigungssicherung und beabsichtigte, zehntausende Kolleginnen und Kollegen in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Dass es dazu nicht kam, war das Ergebnis eines solidarischen Kraftakts: IG Metall, Betriebsrat und Belegschaften haben gemeinsam verhindert, dass diese Vorhaben des VW-Vorstandes Realität wurden. Als Ergebnis konnte eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 durchgesetzt werden.
Ein wesentlicher Baustein aus dem Ergebnis der Tarifrunde 2024 ist dabei noch in Arbeit: die Modernisierung des Entgeltsystems bei Volkswagen. Die Verhandlungen darüber wurden – zwei Monate früher als ursprünglich vorgesehen – bereits am 12. November aufgenommen. Es handelt sich um die größte Reform am VW-Haustarif seit rund 30 Jahren. Ziel ist ein einheitliches, transparentes und modernes Bewertungs- und Eingruppierungssystem für tariflich Beschäftigte. Die bislang äußerst komplexe Systematik – mit etlichen unterschiedlichen Arbeitssystemen und zahlreichen Tätigkeitsbeschreibungen – soll grundlegend vereinfacht werden, damit Eingruppierung nachvollziehbarer, vergleichbarer und zukunftsfester wird. Wichtig ist: Diese Reform ist kein Schnellschuss. Die Tarifparteien haben die Gespräche bewusst vorgezogen, um die Inhalte differenziert verhandeln zu können; kurzfristige „Zwischenstände“ sind dabei nicht zu erwarten. Die Modernisierung soll zum 1. Januar 2027 wirksam werden. Bestandteil der Vereinbarung ist zugleich, dass das Gesamtvolumen der tariflichen Entgeltsumme perspektivisch um sechs Prozent abgesenkt wird, um ein wettbewerbsfähiges Entgeltniveau zu sichern – bei gleichzeitiger Zusage, dass es im tariflichen monatlichen Entgelt zu keiner Schlechterstellung kommt: Wo das bisherige Entgelt oberhalb des neuen Niveaus liegt, wird die Differenz als Besitzstand ausgewiesen und fortgezahlt; dieser Besitzstand wird ab 2027 mit künftigen Entgelterhöhungen teilweise verrechnet, wobei ein Inflationsausgleich stets gewährleistet bleiben soll.
In der nächsten Haustarifrunde – die nach derzeitigem Zeitkorridor voraussichtlich noch im Winter 2026 in Verhandlungen münden wird – sind auch Entgeltsteigerungen möglich. Die Linie setzt die Tarifkommission der IG Metall bei Volkswagen, welche die Forderungsdiskussion führt und anschließend demokratisch eine Beschlussfassung herbeiführt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde die Forderung bei Volkswagen dabei im Gleichklang mit den Flächentarifrunden der Metall- und Elektroindustrie entwickelt und beschlossen.
Holz- und Kunststoff verarbeitende Industrie: Verhandlungen laufen – Warnstreiks ab Kalenderwoche 3
In der Holz- und Kunststoff verarbeitenden Industrie verschärft sich der Tarifkonflikt. In der zweiten Verhandlungsrunde am 9. Dezember 2025 legten die Arbeitgeber erneut kein Angebot vor. Die IG Metall erhöht nun den Druck und startet ab Kalenderwoche 3 Warnstreiks in Niedersachsen und Bremen. Die IG Metall fordert 5 Prozent mehr Entgelt (12 Monate Laufzeit), eine deutliche Aufwertung der Ausbildungsvergütungen sowie eine mitgliederwirksame Komponente. Die dritte Verhandlung ist für den 22. Januar 2026 angesetzt. In Niedersachsen und Bremen arbeiten rund 18.000 Beschäftigte in der Holz- und Kunststoff verarbeitenden Industrie. Sie produziert unter anderem Möbel, Bauelemente, Verpackungen und industrielle Zulieferteile und ist vielfach mittelständisch geprägt.
Industriepolitik muss auf politischer Ebene höchste Priorität eingeräumt werden
„2026 wird in mehreren Branchen ein Jahr anspruchsvoller Verhandlungen“, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Viele Tarifgespräche werden zäh – und wo die Interessen weit auseinanderliegen, kann es auch zu Auseinandersetzungen kommen. Das ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck der herausfordernden Lage: Ja, die Situation in einzelnen Betrieben ist fordernd. Gleichermaßen leiden die Beschäftigten unter Unsicherheit, und das Konsumklima leidet unter fehlender Planbarkeit sowie etwaigen finanziellen Spielräumen, die enger geworden sind. Zwei Hebel entscheiden, ob Wirtschaft wieder Tritt fasst: genügend Arbeitskräfte – und genügend Kaufkraft. Beim ersten geht es darum, Potenziale nicht liegen zu lassen: Schutzsuchende schneller in Sprache, Qualifizierung und Beschäftigung zu bringen – und zugleich die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten so zu organisieren, dass Verfahren nicht bremsen, sondern ermöglichen. Beim zweiten gilt eine einfache Gesetzmäßigkeit: Konsum entsteht aus verfügbarem Einkommen und Sicherheit. Wer die Binnennachfrage stärken will, muss dort entlasten, wo Entlastung unmittelbar wirkt – bei kleinen und mittleren Einkommen, weil diese Mittel nicht in der Statistik verschwinden, sondern im Alltag ankommen: im Handel, im Handwerk, in Dienstleistungen.
In diese Logik fügt sich Tarifpolitik als praktisches Stabilisierungsmittel ein. Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, beschreibt es so: „Wenn Entgelte und Bedingungen über längere Zeit nicht Schritt hielten, leidet die Attraktivität der Betriebe – mit Folgen für Fachkräftebindung, Ausbildung und damit für die Zukunftsfähigkeit. Und sinkende Kaufkraft ist nicht nur ein Problem der Einzelnen, sie wirkt in Regionen auch wirtschaftlich zurück.“
Weitere Flächentarifrunden im IG Metall-Bezirk:
- Frühjahr 2026: Textil Ost
- Mai 2026: Metallhandwerk und Landbautechnik Niedersachsen
- Juni 2026: Montagehandwerk Sachsen-Anhalt
- Winter 2026: Tischlerhandwerk Nordwest und Tischlerhandwerk Ost
- Winter 2026: Eisen- und Stahlindustrie
- Winter 2026: Weitere Volkswagen-Tochterunternehmen