Werden Menschen aufgrund von Herkunft, Namen oder zugeschriebenen Merkmalen benachteiligt, ist das kein Einzelfall, sondern Ausdruck struktureller Probleme. Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigen ein klares Bild: Bewerberinnen und Bewerber mit Einwanderungsgeschichte werden seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, häufiger abgelehnt und erleben auch im Arbeitsalltag Benachteiligung. Gleichzeitig bleiben ihre Qualifikationen ungenutzt – obwohl sie dringend gebraucht werden.
Der Bezirksleiter der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Thorsten Gröger, formuliert es deutlich: „Es wird ein handfester Widerspruch in Kauf genommen: Über Fachkräftemangel wird geklagt – und gleichzeitig werden Menschen aufgrund von Herkunft, Namen oder zugeschriebenen Merkmalen aussortiert. Das ist nicht nur falsch, sondern Ausdruck von krasser Diskriminierung. Wer so entscheidet, nimmt bewusst in Kauf, dass qualifizierte Menschen keine Chance bekommen – und schadet damit auch dem eigenen Betrieb.“
Ein gegenwärtiges Problem ist der Umgang mit im Ausland erworbenen Qualifikationen. Viele Verfahren sind zu langwierig, zu unübersichtlich und mit hohen Hürden verbunden. Die Folge: Qualifizierte Beschäftigte arbeiten unterhalb ihres Niveaus, oft zu schlechteren Bedingungen und geringerer Bezahlung oder nehmen gar nicht am Erwerbsleben teil. Die Gewerkschaft fordert deshalb grundlegende Verbesserungen: Anerkennungsverfahren müssen deutlich schneller und verbindlicher werden, Zuständigkeiten gebündelt und Verfahren vereinfacht werden. Gleichzeitig müssen die Kosten für Anerkennungsverfahren verlässlich übernommen werden, damit sie kein Hindernis darstellen. Notwendig ist zudem ein Ausbau von Qualifizierungs- und Nachqualifizierungsangeboten sowie eine flächendeckende, niedrigschwellige und mehrsprachige Beratung. „Es geht nicht nur um einzelne Stellschrauben, sondern um die grundsätzliche Frage, wie wir mit Qualifikation umgehen“, so Gröger. „Wer eine Ausbildung oder ein Studium mitbringt, muss die Chance bekommen, entsprechend zu arbeiten – und zwar zeitnah und unter fairen Bedingungen. Es kann nicht sein, dass Menschen über Monate oder Jahre in Tätigkeiten festhängen, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen – oder gar nicht erst Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.“
Kritisch bewertet die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt auch die allgemeine politische Entwicklung. Eine zunehmend polarisierte Migrationsdebatte verschärfe Vorurteile und wirke bis in die Betriebe hinein. Diese Entwicklung bleibt nicht folgenlos für die Arbeitswelt. „Die Art und Weise, wie von Teilen der Politik über Migration gesprochen wird, hat unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag“, sagt der Metaller. „Wenn ständig Misstrauen geschürt wird, prägt das Entscheidungen – bei Einstellungen, bei Entwicklungsmöglichkeiten und im Umgang miteinander. Das trifft am Ende ganz konkret die Beschäftigten.“
Ebenso wichtig ist jedoch ein Perspektivwechsel in der öffentlichen Debatte. „Wir müssen stärker sichtbar machen, wo Integration funktioniert – in den Betrieben, in den Teams, im Alltag, in den Vereinen“, so Gröger. „Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Zugewanderte Fachkräfte dringend benötigte Lücken schließen, Innovation voranbringen und zum Zusammenhalt beitragen. Diese Realität gehört stärker in den Mittelpunkt – statt einer Debatte, die fast ausschließlich Probleme betont und damit Vorurteile verstärkt.“
Mit Blick auf den demografischen Wandel – etwa in Sachsen-Anhalt – wird die Frage weiter an Bedeutung gewinnen. In vielen Regionen verschärft sich der Fachkräftebedarf bereits heute spürbar, in den kommenden Jahren wird sich diese Entwicklung weiter zuspitzen. Ohne Zuwanderung und vor allem ohne gelingende Integration geraten Betriebe, Wertschöpfungsketten und ganze Branchen unter Druck. Gleichzeitig entscheidet nicht allein die Nachfrage nach Arbeitskräften, sondern auch das gesellschaftliche Klima darüber, ob Menschen kommen – und ob sie bleiben. Gröger betont: „Menschen entscheiden sehr genau, wo sie arbeiten und leben wollen. Sie schauen nicht nur auf den Arbeitsplatz, sondern auch auf das Umfeld. Ein Betrieb, in dem Respekt und Fairness im Alltag erlebbar sind, zieht Fachkräfte an. Ein Umfeld hingegen, in dem Ausgrenzung, Misstrauen oder offene Ablehnung spürbar sind, schreckt ab – und zwar dauerhaft.“
Damit wird die Frage von Gleichbehandlung und Respekt zu einem handfesten Standortfaktor. „Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, muss mehr bieten als gute Stellenangebote“, so der Gewerkschafter weiter. „Es geht um verlässliche Bedingungen, um gleiche Chancen und um ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen unabhängig von ihrer Herkunft akzeptiert werden. Wer das nicht gewährleistet, verliert im Wettbewerb um Fachkräfte – nicht irgendwann, sondern schon heute.“
Zum Abschluss macht die IG Metall deutlich, dass es nicht nur politische und betriebliche Maßnahmen braucht, sondern auch Haltung im Alltag: „Rassismus gehört die rote Karte gezeigt – und zwar überall. Ihm muss konsequent entgegengetreten werden, im Betrieb wie im Alltag. Das beginnt bei verbalen Entgleisungen und endet nicht bei offener Ausgrenzung. Ob in der Fankurve, im Büro, in der Kneipe oder in der Straßenbahn – es braucht mehr Zivilcourage. Wegsehen ist keine Option.“