Niedersachsen und Sachsen-Anhalt Betriebsräte schlagen Alarm!

Fehlende Investitionen, hohe Energiepreise und wachsender Fachkräftedruck gefährden die industrielle Zukunft

Wirtschaftskonzept


Die wirtschaftliche Lage in den Industriebetrieben in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist derzeit in vielen Unternehmen noch stabil und solide – das zeigt die aktuelle Betriebsrätebefragung der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig nehmen die strukturellen Risiken deutlich zu: Vor allem die anhaltende Investitionszurückhaltung entwickelt sich aus Sicht der Betriebsräte zu einem ernsthaften Problem für die Zukunftsfähigkeit von Standorten und Beschäftigung. Die Befragung fand zwischen Mitte Februar und Anfang März statt.

Die kurzfristigen Kennzahlen fallen überwiegend solide aus: 55 Prozent der Betriebsräte bewerten die Auftragseingänge des vergangenen Monats als gut oder sehr gut. Auch beim Auftragsbestand und bei der Kapazitätsauslastung überwiegen positive Einschätzungen. Die Erwartungen für die kommenden drei bis sechs Monate bleiben ebenfalls stabil – 55 Prozent rechnen mit einer guten oder sehr guten Entwicklung, nur sechs Prozent mit einer sehr schlechten. „Viele Betriebe stehen aktuell noch auf einem stabilen Fundament, so die Rückmeldung unserer Betriebsräte. Aber Stabilität in der Gegenwart ist noch keine Sicherheit für die Zukunft“, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Wir sehen eine gefährliche Diskrepanz: Die aktuelle Lage ist ordentlich, aber bei den Zukunftsinvestitionen wird auf Sicht gefahren. Genau das kann sich die Industrie in einer Phase tiefgreifender Umbrüche nicht leisten.“

Alarmierend ist aus Sicht der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt vor allem die Entwicklung bei den Investitionen: 62 Prozent der Betriebsräte berichten, dass das Investitionsniveau in ihren Betrieben zu niedrig ist – ein erheblicher Teil davon bewertet es sogar als deutlich unzureichend. Gleichzeitig sehen 86 Prozent der Befragten weder Liquiditätsengpässe noch eine akute Insolvenzgefahr.

Für die IG Metall ist das ein klares Signal: Es fehlt nicht an wirtschaftlicher Substanz, sondern an verlässlichen Rahmenbedingungen und an strategischer Orientierung. „Die Unternehmen investieren nicht deshalb zu wenig, weil ihnen unmittelbar die Mittel fehlen“, so der Bezirksleiter. „Sie investieren zu wenig, weil insbesondere politische Unsicherheit Entscheidungen blockiert. Genau hier muss angesetzt werden, hier haben Bundespolitik und Landesregierungen entsprechende Hebel. Ein Zick-Zack-Kurs, ausbleibende Entscheidungen und ein Verschieben von Verantwortung sind nicht tragbar.“

Als wichtigste Gründe für die Investitionszurückhaltung nennen die Betriebsräte unklare langfristige politische Rahmenbedingungen, eine weiterhin schleppende konjunkturelle Entwicklung sowie die hohen Energiepreise. Auch eine zu geringe Nachfrage belastet die Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen. „Wer Investitionen weiter aufschiebt, riskiert nicht nur Wachstum, sondern Substanzverlust“, warnt der Gewerkschafter. „Es geht jetzt darum, industrielle Wertschöpfung im Land zu halten – und dafür braucht es klare Signale von Politik und Unternehmen gleichermaßen.“

Ein weiterer zentraler Belastungsfaktor sind die weiterhin hohen Energiepreise. Mehr als ein Drittel der Betriebsräte sieht darin ein wesentliches Hemmnis für Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit. Gerade für energieintensive Betriebe stellt dies ein dauerhaftes Risiko dar. „Hohe Energiepreise wirken direkt auf Investitionsentscheidungen und Standortfragen“, so Gröger. „Wenn Energie dauerhaft erheblich teurer ist als bei internationalen Wettbewerbern, wird irgendwann nicht mehr hier investiert, sondern anderswo.“

Die IG Metall fordert daher kurzfristige und strukturelle Entlastungen:

• Eine wirksame Begrenzung der Industriestrompreise, um Planungssicherheit zu schaffen
• Den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien und Netze, um langfristig stabile und bezahlbare Energie zu sichern
• Eine verlässliche energiepolitische Gesamtstrategie, die Kosten, Versorgungssicherheit und Klimaziele zusammenführt

Parallel zur Investitionsschwäche verschärft sich der Fachkräftemangel. Fast zwei Drittel der Betriebsräte berichten von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Beschäftigter. Damit wächst der Druck auf die Betriebe zusätzlich – insbesondere in einer Phase, in der Transformation und technologische Entwicklung qualifizierte Fachkräfte erfordern. „Der Fachkräftemangel ist neben den Fragen von Investitionen und Energiepreisen eine der zentralsten Standortfragen“, sagt Gröger.

Die IG Metall sieht hier sowohl Unternehmen als auch Politik in der Verantwortung:

• Stärkere Investitionen in Aus- und Weiterbildung sowie in betriebliche Qualifizierung
• Verbesserung der Arbeitsbedingungen, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten
• Gezielte Fachkräftezuwanderung und bessere Anerkennung von Qualifikationen
• Stärkung der dualen Ausbildung als zentrales Fundament industrieller Fachkräfteentwicklung

Aus Sicht der Gewerkschaft ist die aktuelle Situation ein Kipppunkt: Die wirtschaftliche Lage ist noch stabil, aber die strukturellen Herausforderungen nehmen zu. Ohne entschlossenes Gegensteuern droht eine Schwächung der industriellen Basis. „Der industrielle Wandel wird nicht gelingen, wenn auf Verschleiß gefahren wird. Um aus dem Tal zu kommen, muss man Schwung aufnehmen! Jetzt braucht es ein Unterhaken von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaft. Weitere Zumutungen alleine auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen, werden wir nicht zulassen. Unsere Kolleginnen und Kollegen schultern Inflationsdruck im Supermarkt und vor allem an der Tankstelle, sind flexibel im Springen von Schichtausfall zu Mehrarbeit. Aber die aktuell in Berlin diskutierten Themen, ob Aufweichung des 8‑Stunden‑Tages, Karenztage oder Streichen von Feiertagen, führen zu keiner ernsthaften Konjunkturaufhellung und schreiben keinen neuen Auftrag in die Bücher der Betriebe!“, betont Gröger. „Was jetzt fehlt, ist ein klarer, verlässlicher Kurs: für Investitionen, für bezahlbare Energie und für gute Arbeit!“

Informationen zur Befragung:

Die Betriebsrätebefragung der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gibt einen aktuellen Überblick über die wirtschaftliche Lage und die strukturellen Herausforderungen in den Betrieben der Region. Sie wird seit mehreren Jahren halbjährlich durchgeführt. Der aktuelle Befragungszeitraum erstreckte sich vom 16. Februar bis zum 6. März 2026. Entwicklungen im Zusammenhang mit den jüngsten geopolitischen Spannungen im Persischen Golf sind in den Ergebnissen noch nicht berücksichtigt. Bundesweit beteiligten sich Arbeitnehmervertretungen aus 2.452 Betrieben mit insgesamt über 1,3 Millionen Beschäftigten. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt nahmen rund 200 Betriebsräte aus verschiedenen Branchen teil, insbesondere aus der Metall- und Elektroindustrie.