Dahingehend war kein besserer Ort denkbar, um eine Anamnese des Industriestandortes Deutschlands vorzunehmen. Auf der Center Stage des hannoverschen Messegeländes haben IG Metall-Vorsitzende Christiane Benner, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, der Metallarbeitgeberpräsident von Nordrhein-Westfalen Arndt G. Kirchhoff und IfW-Präsident Prof. Dr. Moritz Schularick über das Comeback von „Made in Germany“ diskutiert.
Die Diagnose wurde geteilt: Deutschland hat in den vergangenen Jahren industrielle Substanz verloren. Gestiegene Energiekosten erhöhen den Druck auf Betriebe und Arbeitsplätze, der öffentliche Investitionsrückstand zieht sich durch Jahrzehnte, und in Washington wie Peking werden Industriepolitiken aufgelegt, die insbesondere das exportorientierte Geschäftsmodell, das Deutschland viele Jahrzehnte getragen hat, massiv fordern. Bei der Gewichtung der Einzelbefunde trennten sich die Positionen: Was wiegt schwerer – regulatorische Lasten, mangelnde Investitionsbereitschaft der Unternehmen oder versäumte staatliche Weichenstellungen? Diese Fragen wurden und müssen auch künftig kontrovers diskutiert werden. Unstrittig war auf dem Podium zudem, dass die deutsche Industrie weiterhin über erhebliche Stärken verfügt: technologische Kompetenz, gut ausgebildete Fachkräfte, gewachsene internationale Absatzbeziehungen und eine industrielle Breite, die gerade im Zusammenspiel von großen Herstellern und spezialisierten Zulieferern ihre besondere Stärke entfaltet. Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, ob das Potenzial für eine neue industrielle Dynamik vorhanden ist. Entscheidend ist, ob die politischen Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass dieses Potenzial auch wirksam werden kann.
Deutlich wurden die Unterschiede dort, wo es um die konkreten Instrumente, die Verteilung der Lasten und die Prioritäten staatlichen Handelns ging. Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, untermauerte: „Der Industriestandort Deutschland und die Beschäftigten hier haben keinen Abgesang verdient sondern Zuversicht, wettbewerbsfähige Energiepreise, den klaren Willen zu lokaler Wertschöpfung, gute Arbeit in bestehenden Industriebranchen und in Zukunftsfeldern wie Quantencomputing, industrieller KI, Batterien und deren Recycling und Erneuerbaren Energien. Dafür muss die Politik den Willen zeigen, die deutsche Industrie und die Beschäftigten durch konsequente Industriepolitik wirklich nach vorn zu bringen, statt nur große Worte und Verweise auf vermeintliche marktwirtschaftliche Gegebenheiten vorzubringen. Mit dem Willen zur Balance von Offenheit für neue Technologien wie KI und humanoide Robotik und Sicherheit durch Investitionen und kluge Gesetzgebung müssen wir es schaffen, gerade in Zukunftsfeldern nicht abgehängt zu werden. Dieses Land und seine gut ausgebildeten, qualifizierten Beschäftigten können viel und wollen viel! Sie brauchen die politischen Voraussetzungen, mit ihren Fähigkeiten diesen Standort langfristig da zu halten, wo er hingehört: An der Spitze.“
Arndt G. Kirchhoff vertritt als Präsident der Metall- und Elektro-Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen die Interessen einer Branche, die im internationalen Wettbewerb unter hohem Anpassungsdruck steht und deren Unternehmen mit steigenden Kosten, strukturellem Wandel und wachsender Konkurrenz konfrontiert sind. Er plädierte angesichts „der tiefen strukturellen Wettbewerbskrise unseres Landes für grundlegende Strukturreformen in allen für die Konkurrenzfähigkeit des Industriestandorts Deutschland relevanten Politikfeldern. Der Mix aus hohen Energiekosten, international nicht wettbewerbsfähigen Steuerlasten und Arbeitskosten, einer erdrückenden Bürokratie und langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahren hat in der Summe dazu geführt, dass die heimischen Standorte unserer Metall- und Elektroindustrie im internationalen Wettbewerb immer mehr ins Hintertreffen geraten sind. Die nicht mehr konkurrenzfähigen Standortbedingungen machen es unseren Unternehmen immer schwerer, in Deutschland noch Geld zu verdienen. Zukunftsinvestitionen werden inzwischen fast nur noch im Ausland umgesetzt. Monat für Monat verliert unsere Industrie gegenwärtig 10.000 hochbezahlte Arbeitsplätze mit gravierenden Folgen für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme und das Steueraufkommen. Beide Befunde sind für Deutschland dramatische Nachrichten. Für unser Land ist es existenziell, dass es Industrieland bleibt. Ich erwarte von der Politik, dass sie die anhaltenden Warnungen aus Verbänden und Unternehmen endlich ernst nimmt und schleunigst ein grundlegendes und wirksames Gesamtkonzept zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland vorlegt. Sie darf jetzt keine Zeit mehr verlieren.“
Niedersachsen trägt mit Volkswagen als größtem OEM, einer eng verzahnten Zulieferindustrie, einer starken Stahlbranche und zahlreichen mittelständischen Hidden Champions erheblich zur industriellen Substanz Deutschlands bei. Ministerpräsident Lies kennt die Lage nicht aus der Distanz, sondern aus dem engen Austausch mit Unternehmen, Betriebsräten und Beschäftigten im Land. Er betonte, welche Schritte jetzt erforderlich sind, damit industrielle Stärke erhalten, modernisiert und unter den veränderten Bedingungen international wettbewerbsfähig bleiben kann: „Das enge und vertrauensvolle Zusammenspiel von Politik, Unternehmen und Beschäftigten ist ein echter Standortvorteil, gerade in Zeiten tiefgreifender Transformation. Das ist unser niedersächsischer Weg. Entscheidend ist, dass wir Flexibilität für die Betriebe mit Sicherheit für die Beschäftigten verbinden, denn nur so entstehen Vertrauen und Zukunftsperspektiven. Veränderung gelingt dann am besten, wenn sie gemeinsam, sozialpartnerschaftlich gestaltet wird – durch Qualifizierung, Weiterbildung und starke Mitbestimmung. Das ist das Erfolgsmodell gerade auch in herausfordernden Zeiten. Gleichzeitig müssen wir deutlich schneller werden: bei Planungs- und Genehmigungsverfahren, beim Abbau von Bürokratie und in einer Verwaltung, die sich als Partner der Wirtschaft versteht. Und klar ist auch: Bezahlbare und verlässliche Energie bleibt eine Grundvoraussetzung dafür, dass Niedersachsen und der Standort Deutschland insgesamt auch künftig stark bleiben können. Es ist vor allem jetzt keine Zeit für Ideologie. Das ist die Zeit für einen neuen Pragmatismus. Jede Entscheidung, die wir fällen, müssen wir jetzt dem Schutz von Beschäftigung und Standorten unterordnen.“
Ein starkes Comeback von „Made in Germany" wird nur gelingen, wenn Politik, Unternehmen und Beschäftigte es als gemeinsame Aufgabe begreifen. Industrielle Erneuerung braucht Investitionen, verlässliche Rahmenbedingungen, unternehmerische Verantwortung und starke Belegschaften. Sie gelingt nach Ansicht der Gewerkschaft nicht gegeneinander, sondern nur im Zusammenwirken. Beschäftigte sind dabei nicht der Preis des Wandels, sondern seine Voraussetzung. Die IG Metall wird dafür weiter in den politischen Arenen und in der Öffentlichkeit streiten.