1.400 Arbeitsplätze, Standort Berlin und Tarifstandards unter Dru IAV plant gewaltigen Kahlschlag

Die Geschäftsführung der IAV GmbH hat ein Maßnahmenpaket vorgelegt, das aus Sicht der IG Metall und der Betriebsräte einen massiven Einschnitt in die Zukunft des Unternehmens, seiner Standorte und der Beschäftigten bedeutet.

VW Vertrauensleutekonferenz


Geplant sind der Abbau von bis zu 1.400 Arbeitsplätzen bis Mitte 2027, die Schließung des Standorts Berlin zum 30. Juni 2027, die Verlagerung von Tätigkeiten ins Ausland sowie weitreichende Eingriffe in Arbeitszeit, Entgelt, Urlaub und tarifliche Standards.

Nach den Vorstellungen der Geschäftsführung sollen freiwerdende Stellen nicht mehr nachbesetzt, sondern verbindlich ins Ausland verlagert werden. Neue Arbeitsplätze sollen künftig in sogenannten „Best-Cost-Countries“ entstehen. Gleichzeitig sollen die Beschäftigten in Deutschland deutlich mehr arbeiten, weniger Sicherheit haben und auf tarifliche Verbesserungen verzichten. Vorgesehen sind unter anderem eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, keine Tariferhöhungen bis mindestens 2028, Kürzungen im tariflichen und außertariflichen Entgeltbereich sowie nur noch 25 Tage Urlaub. Hinzu kommen verpflichtende Qualifizierungsmaßnahmen mit Tests und möglichen arbeitsrechtlichen Sanktionen beim Nichtbestehen dieser Tests.

„Die Geschäftsführung nennt das Neuaufstellung. Tatsächlich ist es ein Kahlschlagprogramm“, sagt Thilo Reusch, Verhandlungsführer der IG Metall. „Wer 1.400 Arbeitsplätze streichen, einen ganzen Standort schließen, Tarifstandards schleifen und Beschäftigte mit Tests unter Druck setzen will, legt kein Zukunftskonzept vor. Das ist eine Kampfansage an die Belegschaft.“

Besonders schwer wiegt die geplante Schließung des Berliner Standorts. Berlin ist ein zentraler und historisch gewachsener Standort der IAV. Den Beschäftigten einen Wechsel nach Gifhorn anzubieten, ist keine tragfähige Lösung. Für viele wäre das faktisch kaum umsetzbar – wegen Familie, Wohnort, Pflegeverantwortung oder sozialer Bindungen. „Ein Arbeitsplatz ist kein Punkt auf einer Landkarte, den man beliebig verschieben kann“, sagt Reusch. „Wer Berlin schließen will und den Beschäftigten sagt, sie könnten ja nach Gifhorn gehen, verkennt die Lebensrealität der Kolleginnen und Kollegen.“

Die IG Metall erkennt an, dass IAV und die gesamte Automobil- und Entwicklungsdienstleistungsbranche unter erheblichem Veränderungsdruck stehen. Transformation, veränderte Kundenstrukturen, Kostendruck und technologische Umbrüche verlangen Antworten. Doch aus Sicht der Gewerkschaft liefert die Geschäftsführung mit dem vorgelegten Papier gerade keine belastbare Antwort auf diese Herausforderungen. Statt einer tragfähigen Strategie für neue Geschäftsfelder, Zukunftsinvestitionen und Qualifizierung liege ein Programm vor, das vor allem auf Personalabbau, Verlagerung und Verschlechterung setzt.

„Transformation bedeutet nicht: weniger Menschen, schlechtere Bedingungen, billigere Standorte“, betont Reusch. „Transformation bedeutet, Kompetenzen zu sichern, neue Arbeit zu gewinnen, Beschäftigte zu qualifizieren und Standorte weiterzuentwickeln. Wer nur den Rotstift führt, saniert nicht – er amputiert.“

Massive Kritik übt die Gewerkschaft auch an den geplanten Eingriffen in bestehende Tarifstandards. Arbeitszeit, Entgelt, Urlaub und tarifliche Vergütungsbestandteile können nicht einseitig durch die Geschäftsführung neu geschrieben werden. Diese Fragen gehören an den Tariftisch. Die IG Metall macht deutlich, dass sie tarifliche Verschlechterungen nicht akzeptieren wird.

„Tarifverträge sind keine Verhandlungsmasse, die man bei schlechtem Wetter einfach beiseiteschiebt“, sagt Reusch. „Wer Tarifstandards infrage stellt, legt sich mit uns an. Wir werden nicht zulassen, dass die Beschäftigten die Rechnung für Managementfehler und strategische Versäumnisse bezahlen.“

Auch die geplanten Qualifizierungsmaßnahmen bewertet die Arbeitnehmervertretung kritisch. Qualifizierung sei grundsätzlich richtig und notwendig, dürfe aber nicht zum Instrument der Auslese werden. Tests mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen erzeugten Druck statt Entwicklung und stellten Beschäftigte unter Generalverdacht. „Qualifizierung soll Menschen stärken, nicht sie aussortieren“, erklärt Reusch. „Wer Beschäftigte nach Jahren engagierter Arbeit plötzlich durch Prüfungssysteme jagt und bei Nichtbestehen Sanktionen androht, schafft keine Lernkultur. Er schafft Angst.“

Aus Sicht von IG Metall und Betriebsräten ist auch das bisherige Vorgehen der Geschäftsführung nicht akzeptabel. Seit Monaten werde über wirtschaftliche Risiken, drohende Insolvenz und Restrukturierung gesprochen. Belastbare Konzepte, transparente Zahlen und ein tragfähiger Zukunftspfad seien jedoch bislang nicht ausreichend vorgelegt worden. Stattdessen komme nun ein Eckpunktepapier, das in kürzester Zeit weitreichende Zugeständnisse der Beschäftigten erzwingen solle. 

Die IG Metall und die Betriebsräte stellen klar: Sie sind bereit, über notwendige Anpassungen zu verhandeln. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass einseitige Diktate vom Tisch kommen. Es braucht Transparenz über die wirtschaftliche Lage, eine belastbare Finanzierung, echte Zukunftsperspektiven für alle Standorte und Respekt vor Mitbestimmung und Tarifverträgen.

„Wir verweigern uns nicht der Realität“, sagt Reusch. „Aber wir verweigern uns einem Programm, das Beschäftigte spaltet, Standorte gegeneinander ausspielt und soziale Standards zerstört. Wer Verhandlungen will, muss mit Vorschlägen kommen – nicht mit Erpressungsszenarien.“

Die IG Metall fordert von der Geschäftsführung einen grundlegenden Kurswechsel. Notwendig seien ein Verzicht auf Standortschließungen, der Erhalt tariflicher Standards, eine verbindliche Beschäftigungssicherung, Investitionen in Zukunftsfelder sowie ein Qualifizierungskonzept, das Beschäftigten Perspektiven bietet statt Druck aufzubauen.

Konkret insistiert die IG Metall auf:

  • Rücknahme der geplanten Schließung des Standorts Berlin
  • verbindliche Sicherung der bestehenden Standorte
  • keine Verschlechterung von Tarifverträgen, Entgelt, Arbeitszeit und Urlaub
  • transparente Darlegung der wirtschaftlichen Lage und Finanzierung
  • ein tragfähiges Zukunftskonzept für neue Geschäftsfelder und Beschäftigung
  • sozialverträgliche Lösungen statt Druck auf Aufhebungsverträge
  • Qualifizierung ohne Sanktionslogik und ohne Ausleseverfahren
  • Verhandlungen auf Augenhöhe mit Betriebsräten und IG Metall

 Die IG Metall kündigt an, gemeinsam mit den Betriebsräten alle rechtlichen, betrieblichen und tarifpolitischen Möglichkeiten zu nutzen, um die geplanten Einschnitte abzuwehren. Gleichzeitig ruft sie die Beschäftigten auf, solidarisch zu bleiben, sich nicht spalten zu lassen und sich gewerkschaftlich zu organisieren. „Wir werden weiter verhandeln. Aber klar ist auch: Verhandlungen machen nur Sinn, wenn die einseitigen Diktate vom Tisch sind“, erklärt der Metaller. „Bleibt die Geschäftsführung bei der Friss-oder-stirb-Methode, fordert sie den massiven Widerstand der Kolleginnen und Kollegen heraus.“