Binnenmarkt nutzen, "Made in Europe" stärken IG Metall fordert zum Europatag eine echte industriepolitische Offensive der EU

Zum Europatag fordert die IG Metall im Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt eine entschlossene industriepolitische Neuaufstellung der Europäischen Union.

Europäische Union Flaggen vor dem Europäischen Parlament


Angesichts wachsenden Drucks aus dem Wettbewerb jenseits des Atlantiks und aus dem ostasiatischen Raum, einer zunehmend volatilen, mit Zöllen als Druckmittel operierenden Welthandelsordnung und tektonischer geopolitischer Verschiebungen müsse Europa sich seiner eigenen Stärke endlich wieder bewusst werden – dies auch zum Wohle von Industriearbeitsplätzen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Abhängigkeiten und fehlende Resilienz werden in Deutschland und Europa immer wieder erst in der Krise bemerkt!“, sagt der Bezirksleiter Thorsten Gröger. „Die Antwort auf eine Welt, in der Zölle zum Erpressungsinstrument geworden sind, kann nicht Schockstarre sein. Sie muss eine industriepolitische Antwort sein – und sie muss vor allem jetzt endlich kommen."

Binnenmarkt nutzen und neue Handelspartner finden

Im Zentrum steht für die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt die konsequente Nutzung des europäischen Binnenmarkts mit rund 450 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern. „Der Binnenmarkt ist das größte wirtschaftspolitische Pfund, das die EU aus eigener Kraft auf den Tisch legen kann", so Gröger. Dafür braucht es aber sowohl eine Stärkung des privaten Konsums als auch eine Kräftigung von Gütern „Made in Europe“. Begleitend dazu fordert die IG Metall, regelbasierten Freihandel mit verlässlichen Partnern zu vertiefen. Der Abschluss des Mercosur-Abkommens sei ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der andere die Spielregeln aufkündigen. „Mercosur ist die richtige Richtung. Aber Europa darf nicht dort stehenbleiben", sagt Gröger. „Es brauche eine strategische Diversifizierung der Handelsbeziehungen – mit Kanada, Australien, Japan, Südkorea, mit Indien und Mexiko und vor allem mit dem afrikanischen Kontinent, dessen wirtschaftliche und demografische Dynamik wir in Europa noch immer sträflich unterschätzen". Wer Lieferketten resilient halten wolle, brauche mehr als ein, zwei Adressen auf der Welt.

„Made in Europe" stärken und resiliente Lieferketten aufbauen

Die IG Metall erneuert mit Nachdruck ihre Forderung nach einer verbindlichen „Made in Europe"-Strategie mit klaren Local-Content-Vorgaben in strategischen Sektoren. Dies sei auch ein Programm zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der industriellen Strukturen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Wir dürfen die Grundstoffe dieses Kontinents nicht aus der Hand geben. Stahl, Aluminium, chemische Grundstoffe – wenn wir diese Basis verlieren, verliert Europa seine industrielle Souveränität, und zwar dauerhaft. Die kriegen wir dann auch nicht zurück!“ Zugleich müsse Europa konsequent in jenen Feldern Kapazität aufbauen, in denen es heute hinterherläuft: Batteriezellproduktion, Halbleiter, Wasserstofftechnologie. „Wer jetzt nicht produziert, was morgen knapp werden könnte, wird morgen erpressbar sein."

Innovationsstärke in Wertschöpfung übersetzen

Mit Blick auf die jüngsten Zahlen des Europäischen Patentamts unterstreicht die IG Metall, dass Europa technologisch nicht abgehängt sei. Mit erstmals über 200.000 Patentanmeldungen in einem Jahr sei ein Rekordwert erreicht worden. Deutschland bleibe Nummer eins in Europa und Nummer zwei weltweit. „Die Zahlen zeigen, dass es nicht an Erfindungen mangelt. Wir müssen allerdings noch besser darin werden, diese zu industrialisieren!“, sagt Gröger. Notwendig seien eine engere Verzahnung von Forschung, Wissenschaft und Industrie, schnellere Skalierung in der Produktion sowie eine deutliche Vereinfachung von Förderverfahren. „Forschung, die in Hannover oder Magdeburg entsteht, darf nicht in Kalifornien oder Shenzhen zu Produkten werden, für die wir später teuer bezahlen – wir müssen sie hier vor Ort entwickeln und produzieren!“

Digitale Souveränität: KI nicht aus der Hand geben

Die IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt fordert zudem einen europäischen Kraftakt für KI und digitale Infrastruktur. Hyperscaler und große Sprachmodelle aus den USA seien längst im industriellen Realbetrieb deutscher Unternehmen angekommen. „Das ist Realität, und viele arbeiten täglich damit. Aber wir können die Schlüsseltechnologie KI nicht den USA und China allein überlassen", so der Bezirksleiter. Europa brauche eigene Rechenkapazitäten und eigene Large Language Modelle. „Wer Daten, Rechenleistung und Modelle dauerhaft in fremder Hand hält, gibt am Ende industrielles Know-how aus der Hand. Das wäre für einen Industriestandort wie Niedersachsen und Sachsen-Anhalt der falsche Weg."

Grögers Fazit: „Europa hat einen Binnenmarkt, der seinesgleichen sucht. Es hat eine Innovationskraft, die in den Patentstatistiken jedes Jahr aufs Neue dokumentiert wird. Es hat Belegschaften, deren Qualifikation weltweit beneidet wird. Es hat alles, was es braucht. Europa muss es nur konsequent nutzen! Jetzt ist die Zeit für kluge Verzahnung und einen echten Schub nach vorne!“