Die Stadt hatte die Pläne der Geschäftsführung in sozialen Medien als „Top Nachrichten für Gifhorn“ bezeichnet. Bürgermeister Matthias Nerlich sprach von einer „guten Entwicklungsperspektive“ für den Standort Gifhorn. Das rabiate Kahlschlagprogramm aus der Geschäftsführungsebene bezeichnete die Kommunalverwaltung als Zukunftskonzept.
Aus Sicht von IG Metall-Verhandlungsführer Thilo Reusch ist das ein fatales Signal – gerade mitten in einer laufenden Tarifauseinandersetzung. „Wer die Pläne der Geschäftsführung als gute Nachricht verkauft, stellt sich nicht an die Seite der Beschäftigten, sondern an die Seite des Managements. IAV-Jubelmeldungen helfen nur der Geschäftsführung!“, kritisiert Reusch. „Das Gifhorner Rathaus täte gut daran, sich solidarisch mit der Belegschaft zu zeigen, statt Beifall für ein Kahlschlagprogramm zu liefern.“
IAV plant den Abbau von bis zu 1.400 Arbeitsplätzen. Am Standort Berlin arbeiten rund 1.250 Beschäftigte. Für die IG Metall ist damit offensichtlich: Die angekündigten Einschnitte betreffen nicht nur Berlin. „Das ist einfachste Mathematik: Diese Pläne bedrohen alle Standorte“, so der Gewerkschafter. „Es ist gefährlich kurzsichtig, daraus eine Erfolgsmeldung für Gifhorn zu machen.“
Darüber hinaus stellt die IG Metall klar: Die Gespräche zwischen IG Metall, Betriebsrat und IAV-Vorstand laufen weiterhin. Beschlossen ist nichts. „Es ist nichts in trockenen Tüchern“, betont Reusch. „Auf dem Tisch liegt eine Giftliste der Geschäftsführung – und genau diese werden wir nicht akzeptieren. Standortschließungen, Tarifabbau und Druck auf Beschäftigte sind für uns keine Verhandlungsgrundlage, sondern rote Linien.“
Auch die Beschäftigten in Gifhorn sollen nämlich massive Einschnitte hinnehmen, wenn es nach der Geschäftsführung geht. Im Raum stehen längere Arbeitszeiten, tarifliche Verschlechterungen, ausbleibende Tariferhöhungen, Kürzungen und Personalabbau durch Nichtnachbesetzung. Von einem klaren Gewinn für Gifhorn könne deshalb keine Rede sein. Jeder alters- und veränderungsbedingte Abgang in Gifhorn führt unweigerlich auch hier zu Personalverlusten. „Gifhorn wird nicht stärker, wenn Berlin geschlossen und Tarifstandards geschleift werden“, erklärt der Metaller. „Wir laden Herrn Nerlich gerne zu einer Kundgebung ein. Dann zeigen wir ihm, was Metallerinnen und Metaller unter Solidarität verstehen. Wenn es nach dem IAV-Vorstand geht, sollen alle Beschäftigten die Zeche zahlen – mit schlechteren Bedingungen, mehr Druck und weniger Sicherheit.“
Besonders problematisch sei, dass die Stadt öffentlich die Nähe zur Unternehmensführung betone, während die Belegschaft um Arbeitsplätze, Einkommen und Zukunftsperspektiven kämpfe. „In einer solchen Lage braucht es politische Verantwortung“, sagt Reusch. „Ein Rathaus sollte nicht die Kommunikation des CEOs verstärken, sondern deutlich machen: Beschäftigte und Standorte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.“
Die IG Metall warnt davor, Standortschließungen und Verlagerungen in sogenannte Best-Cost-Countries als normale Unternehmensstrategie zu akzeptieren. „Wenn diese Logik einmal greift, ist danach nicht einfach Schluss“, warnt Reusch. „Dann wird weiter optimiert, weiter verlagert, weiter gedrückt – bis am Ende jeder Standort erneut auf dem Prüfstand steht.“ Wer heute glaube, Gifhorn sei sicher, weil zunächst Berlin geschlossen werden solle, mache es sich zu einfach. „Heute soll es Berlin treffen, morgen kann jeder andere Standort ins Fadenkreuz geraten“, so der Gewerkschafter. „Wenn Standortschließungen und Verlagerungen einmal im Werkzeugkasten liegen, werden sie bei nächster Gelegenheit wieder hervorgeholt. Wer das heute beklatscht, schwächt am Ende auch die Sicherheit in Gifhorn. Deshalb stehen wir Metallerinnen und Metaller solidarisch an der Seite aller IAV-Beschäftigten.“
Die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt fordert die Gifhorner Verwaltungsspitze um Bürgermeister Nerlich auf, ihren kommunikativen Fehltritt ad hoc zu korrigieren und sich klar gegen Standortschließungen, Tarifabbau und die Spaltung der Belegschaft zu positionieren. „Nicht Berlin gegen Gifhorn. Nicht Standort gegen Standort. Nicht Beschäftigte gegen Beschäftigte“, so Reusch. „Die richtige Botschaft wäre: Alle Standorte sichern, Tarifverträge respektieren und Zukunft mit den Beschäftigten gestalten!“