Die starken Wahlergebnisse auf dem 23. Ordentlichen DGB-Bundeskongress in Berlin sind aus Sicht der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ein klares Signal: Die Gewerkschaften gehen mit klarem Mandat in eine Zeit, in der über die Zukunft der Industrie, die Verteilung von Wohlstand und den Schutz sozialer Sicherheit entschieden wird.
„Der DGB bleibt unverzichtbar – das ist auch das klare Signal des Bundeskongresses“, erklärt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Deutschland steht industriepolitisch vor einer Richtungsentscheidung: Entweder schaffen wir die Voraussetzungen für industrielle Stärke und gute Beschäftigung – oder wir riskieren schleichenden Substanzverlust in zentralen Branchen.“
Gerade in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist diese Frage konkret: Autoindustrie, Maschinenbau, Stahl, Zulieferer, Windindustrie und energieintensive Betriebe stehen unter erheblichem Druck. Es geht um Standorte, Wertschöpfung, Qualifizierung – und um sichere Arbeitsplätze. „Wer will, dass Betriebe hier bleiben, muss mehr liefern als warme Worte: verlässliche Energiepreise, moderne Infrastruktur, Investitionen in Bildung und Qualifizierung und klare Regeln gegen Tarifflucht. Gute Arbeit darf in der Industriepolitik nicht erst im Kleingedruckten auftauchen“, so Gröger.
Denn genau darum geht es jetzt: Der Wandel in der Industrie darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Wo neue Technologien entstehen, wo Standorte umgebaut und Geschäftsmodelle verändert werden, brauchen die Menschen Sicherheit, Mitbestimmung und eine Perspektive. „Vieles, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde, war kein Geschenk der Politik“, betont Gröger. „Energiepreisbremsen, Mindestlohn, Rentensicherung oder Tariftreue – dafür haben Gewerkschaften Druck gemacht. Und genau diesen Druck braucht es jetzt wieder, wenn Arbeitszeiten verlängert, Schutzrechte geschwächt oder der Sozialstaat kleingeredet werden soll.“
Stephan Soldanski, ehrenamtliches Vorstandsmitglied der IG Metall, widerspricht den derzeit wieder lauter werdenden Arbeitgeber-Erzählungen über angeblich unflexible, anspruchsvolle oder leistungsunwillige Beschäftigte entschieden. „Wenn heute so getan wird, als lägen die Probleme unserer Industrie vor allem bei den Beschäftigten, dann ist das nicht Analyse, sondern Ablenkung“, erklärt Soldanski. „Unsere Kolleginnen und Kollegen halten seit Jahren unter enormem Druck die Produktion am Laufen, sichern Qualität, bringen ihr Wissen ein und stemmen Transformation, Fachkräftemangel und hohe Arbeitsbelastung gleichzeitig.“
Der Metaller warnt davor, wirtschaftliche Fehlentwicklungen einseitig auf die Belegschaften abzuwälzen. „Wir erleben keine Belegschaften, denen es an Einsatz, Können oder Ideen fehlt“, so Soldanski. „Wir erleben vielerorts eher Chefetagen, die notwendige Investitionen verschleppen, zu kurzfristig denken und bei Gegenwind zuerst über Personalabbau, Arbeitszeitverlängerung oder Tarifabweichungen sprechen. Politik muss endlich die verlässlichen Leitplanken liefern und Arbeitgeber sich der Verantwortung stellen!“
Besonders kritisch sieht Soldanski die zunehmende Orientierung an kurzfristigen Renditezielen. „Wenn die nächste Quartalszahl wichtiger wird als die langfristige Stärke eines Standorts, läuft etwas grundlegend falsch“, erklärt der Gewerkschafter. „Wer nur auf die Nachkommastelle der Rendite schaut, verliert den Blick für das, was Unternehmen tatsächlich trägt: qualifizierte Beschäftigte, Erfahrung, Loyalität und Innovationskraft.“
Gerade das deutsche Industriemodell habe seine Stärke über Jahrzehnte nicht trotz, sondern wegen starker Mitbestimmung und Tarifbindung entwickelt. „Unsere Industrie ist nicht erfolgreich geworden, weil Beschäftigte billig, rechtlos oder still waren“, sagt Soldanski. „Sie war erfolgreich, weil Fachkräfte mitdenken konnten, Betriebsräte Verantwortung übernommen haben und Veränderungen gemeinsam gestaltet wurden.“ Soldanski fordert deshalb ein anderes Verständnis unternehmerischer Verantwortung. „Eigentum verpflichtet – das steht nicht zufällig im Grundgesetz“, betont der Metaller. „Unternehmergeist zeigt sich nicht darin, in jeder Krise reflexartig den Rotstift anzusetzen. Er zeigt sich darin, Verantwortung für Standorte und Beschäftigte zu übernehmen, in Zukunft zu investieren und Menschen nicht nur als Kostenfaktor zu behandeln.“
Abschließend erklären die beiden Metaller: „Wir gratulieren der DGB-Spitze herzlich. Die Aufgaben sind groß: Industrie sichern, Demokratie stärken und den Sozialstaat verteidigen. Ein starker DGB muss und wird weiterhin unbequem sein. Er muss sich in die politische Debatte einbringen, Lösungen anbieten, aber auch dann laut werden, wenn Beschäftigtenrechte, Tarifbindung oder Mitbestimmung unter die Räder geraten.“