Zukunftsperspektiven für BOHAI, Schlote und GAW im Harz notwendig IG Metall begrüßt befristete Atempause für Harzer Betriebe

Es ist eine Atempause – keine Entwarnung. Nach intensiven Gesprächen zwischen Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), Auftraggebern und dem Insolvenzverwalter...

Getriebe mit Zahnrädern


...soll der Betrieb bei der BOHAI Automotive Holding GmbH und der Schlote Gruppe in Harzgerode zunächst für sechs weitere Monate fortgeführt werden. In dieser Zeit soll die Investorensuche neu aufgesetzt, die Produktion angepasst und eine langfristige Perspektive für den Standort entwickelt werden. Die IG Metall begrüßt ausdrücklich, dass gehandelt wurde – und macht ebenso ausdrücklich klar: Sechs Monate sind der Anfang einer Aufgabe, nicht ihr Abschluss.

Was auf den ersten Blick wie der Fall eines einzelnen Unternehmens aussieht, ist bei genauerer Betrachtung die Krise einer ganzen industriellen Zulieferlandschaft im Harz. BOHAI Automotive in Harzgerode produziert hochwertige Aluminiumdruckgussteile für namhafte Automobilhersteller und beschäftigt rund 600 Menschen direkt am Standort. Direkt und indirekt hängen mehr als 1.000 Arbeitsplätze an diesem Betrieb – Schulen, Kindergärten, Geschäfte, kommunale Infrastruktur: Harzgerode lebt auch von BOHAI. Die Schlote Harzgerode GmbH ist dabei nicht irgendein Nachbarbetrieb – sie befindet sich unmittelbar auf dem Gelände des Industrieparks und ist zugleich Lieferant von BOHAI. Beide Betriebe sind wirtschaftlich so eng miteinander verflochten, dass eine Lösung für einen ohne den anderen nicht funktioniert. Wer das ignoriert, löst nichts. Hinzu kommt die Getriebe- und Antriebstechnik Wernigerode GmbH (GAW) – ebenfalls Teil der Schlote-Gruppe, mit rund 170 Beschäftigten an zwei Standorten in Wernigerode. GAW ist ein Traditionsbetrieb, der über Jahrzehnte hochspezialisierte Getriebe- und Antriebstechnik gefertigt hat. Auch hier ist die Lage ernst: Der Insolvenzverwalter hat die Schließung der Werke angekündigt, die Produktion droht auszulaufen. Es ergibt zusammen ein Bild, das die IG Metall mit großer Sorge betrachtet: Der Harz ist innerhalb kurzer Zeit bedroht, einen erheblichen Teil seiner industriellen Basis zu verlieren.

Dass Ministerpräsident Schulze sich persönlich eingeschaltet hat, das Gespräch gesucht und auf die Auftraggeber eingewirkt hat, ist das richtige Signal. Für die Beschäftigten bedeutet die erzielte Lösung konkret: Sie gehen morgen zur Arbeit. Sie müssen nicht zum Arbeitsamt. Das ist in einer Situation, in der wochenlang das endgültige Aus im Raum stand, keine Kleinigkeit. Es ist eine Erleichterung, die die IG Metall nicht kleinredet. Aber sechs Monate sind in der Automobilindustrie eine kurze Zeit. Neue Kundenprojekte benötigen typischerweise ein bis zwei Jahre Vorlauf bis zur Serienproduktion. Investorenprozesse dauern. Neue Produkte entstehen nicht über Nacht. Das bedeutet: Die sechs Monate müssen vom ersten Tag an intensiv und zielgerichtet genutzt werden. Jede Woche, die verstreicht, ohne dass konkrete Schritte unternommen werden, ist eine verlorene Woche.

Die IG Metall erwartet deshalb, dass parallel zu laufender Produktion sofort und konsequent an drei Dingen gearbeitet wird: erstens an einem breit aufgestellten Investorenprozess, der alle potenziellen Interessenten ernsthaft einbezieht; zweitens an der Identifikation neuer Produkte und Märkte, die die einseitige Abhängigkeit von einzelnen Auftraggebern dauerhaft reduzieren; und drittens an einer Lösung, die für alle - also BOHAI, Schlote und GAW - Perspektiven öffnet.

Dirk Heinze, Betriebsratsvorsitzender bei BOHAI Automotive: „Wir haben etwas Luft gewonnen – das ist gut, und das war dringend notwendig. Aber sechs Monate sind für uns kein Ziel, sondern eine Chance. Eine Chance, die wir jetzt aktiv nutzen müssen: für Investoren, für neue Produkte, für neue Auftraggeber. Niemand hier hat Lust auf Insolvenzgeld oder Kurzarbeit, wenn er eine funktionierende Anlage vor sich hat und weiß, wie man damit umgeht. Die Kolleginnen und Kollegen wollen arbeiten. Das war immer so. Dafür stehen wir ein."

Sven Fricke, Betriebsratsvorsitzender bei GAW in Wernigerode: „Schlote und BOHAI sind keine getrennten Fälle – das muss jeder verstehen, der über Lösungen nachdenkt. Wir sitzen mit der Schlote Harzgerode auf demselben Gelände, wir sind wirtschaftlich direkt verbunden, und wir brauchen eine gemeinsame Perspektive. Eine Lösung, die nur einen von uns im Blick hat, ist keine Lösung. Wir wollen keine Scheuklappen – alle Optionen müssen geprüft werden, ohne Denkverbote. Und wir wollen Arbeit statt Arbeitslosigkeit. Das ist die klare Ansage unserer Belegschaft."

Die Krise bei BOHAI, Schlote und GAW ist real und konkret. BOHAI produziert Aluminiumdruckgussteile – Teile, die auch im E-Auto gebraucht werden, aber in veränderter Form und unter veränderten Wettbewerbsbedingungen. GAW ist auf Getriebe- und Antriebstechnik spezialisiert – ein Bereich, der im Verbrennungszeitalter unverzichtbar war und im Elektrozeitalter grundlegend neu gedacht werden muss. Das ist keine Katastrophe per se. Es ist eine Transformationsaufgabe. Aber Transformationsaufgaben brauchen Zeit, Ressourcen und politische Unterstützung – all das, was vielen dieser Betriebe fehlt. Die IG Metall-Betriebsräte deutschlandweit berichten immer wieder: Nur rund die Hälfte der Betriebe unter Transformationsdruck verfügt überhaupt über eine belastbare Strategie für den Wandel. Das ist das eigentliche Problem. Nicht die Transformation selbst, sondern das Fehlen von Begleitung, Förderung und Unterstützung für diejenigen, die sie als erste spüren. Dafür braucht es belastbare politische Rahmenbedingungen, aber auch unternehmerische Weitsicht und Diversifizierung der alten Geschäftsmodelle statt einseitiger Abhängigkeiten.

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: „Was wir hier im Harz erleben, ist kein Zufall und kein Pech – es ist das Ergebnis einer Transformation, die zu wenig begleitet und flankiert wird. Die Beschäftigten bei BOHAI, Schlote und GAW haben gute Arbeit geleistet, hochwertige Produkte gefertigt und ihre Betriebe mit aufgebaut. Jetzt stehen sie vor dem Aus – weil sich der Markt verändert hat, Politik zu spät reagierte und Chefetagen Fehleinschätzungen getroffen haben. Die nun sechs Monate der Atempause sind gut. Aber sie sind nur dann etwas wert, wenn in dieser Zeit wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt werden: Investoren, neue Produkte, neue Märkte. Und wenn gleichzeitig die strukturellen Weichen gestellt werden, damit das, was wir hier erleben, nicht in jedem zweiten Harz Ort und in jedem zweiten Zuliefererbetrieb im Land wiederholt wird."

Ministerpräsident Schulze hat selbst betont, dass der Standort sich breiter aufstellen und nicht ausschließlich auf die Automobilindustrie setzen könne. Das ist die richtige Diagnose. Die IG Metall erwartet, dass dieser Anspruch nun auch mit konkreten Mitteln unterlegt wird. Dafür braucht es aus Sicht der IG Metall drei strukturelle Maßnahmen: Erstens einen staatlichen Stabilisierungsfonds für kriselnde Zulieferer, der verhindert, dass Insolvenzen automatisch zum Verlust von Industriearbeitsplätzen führen. Solche Fonds existieren in anderen europäischen Ländern –Sachsen-Anhalt könnte von diesen Erfahrungen lernen. Zweitens gezielte Förderprogramme, die den Technologietransfer in Richtung Elektromobilität und neuer Industriebereiche aktiv begleiten. Produktionsanlagen, Fachkräfte und regionale Strukturen sind vorhanden – sie müssen auf neue Anforderungen ausgerichtet werden, mit öffentlicher Unterstützung wo nötig. Und drittens ein landesweites Job-to-Job-Netzwerk mit gezielten Weiterbildungsangeboten, das Beschäftigten auch dann eine Brücke baut, wenn ein Übergang in einem Betrieb nicht mehr zu vermeiden ist. Arbeit statt Arbeitslosigkeit – das muss auch strukturpolitisch das Leitprinzip sein.

Janek Tomaschefski, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Halberstadt: „Die Menschen hier im Harz sind es leid, immer wieder hingehalten zu werden. Erst hieß es, es gibt Interessenten. Dann hieß es, die Gespräche scheitern. Jetzt gibt es sechs Monate. Das ist selbstverständlich besser als nichts und eine ganz wichtige Brücke – aber wir werden sehr genau hinschauen, was in diesen sechs Monaten wirklich passiert. Unsere Betriebsräte sitzen in den Betrieben, sie kennen die Lage. Nun gilt es alle Kräfte zu bündeln, um Perspektiven in unseren Regionen auch im nächsten Jahrzehnt zu sichern!“

Die IG Metall begleitet den Prozess aktiv und steht in engem Austausch mit den Betriebsräten in Harzgerode und Wernigerode. Dieser Prozess darf keine Verlierer produzieren – weder bei BOHAI noch bei Schlote noch bei GAW.