„Menschen müssen spüren, dass Politik ihr Leben besser macht“ Gewerkschaft fordert neuen industrie- sowie sozialpolitischen Kompass für Sachsen-Anhalt

Rund 80 Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rückt die IG Metall die Zukunft der Industrie und die Sicherung guter Arbeitsplätze ins Zentrum der politischen Debatte.

Wehende IG Metall-Fahnen.


Auf ihrer diesjährigen Bezirkskonferenz in der Hyparschale Magdeburg beschlossen die Delegierten eine Resolution, die einen verbindlichen industrie- sowie sozialpolitischen Kompass für Sachsen-Anhalt fordert. Zu den Gästen der Konferenz gehörten Ministerpräsident Sven Schulze, Wissenschaftsminister Prof. Dr. Armin Willingmann und die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag Sachsen-Anhalts, Eva von Angern. Für weiteren Input auf den Podien sorgten unter anderem Maik Reichel, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sowie die DGB-Landesleiterin Katrin Skirlo.

 Die Resolution auch eine Antwort auf die Stimmung im Land. Viele Menschen erleben Veränderung derzeit nicht als Aufbruch, sondern als Belastung: steigende Kosten, unsichere Aufträge, marode Infrastruktur, fehlende Fachkräfte, lange Arbeitswege, überforderte Kommunen. Wer in Schichten arbeitet, Kinder betreut oder Angehörige pflegt, fragt nicht nach großen Überschriften, sondern nach dem Konkreten: Bleibt der Arbeitsplatz? Reicht das Einkommen? Fährt der Bus, funktioniert die Schule, ist der Staat handlungsfähig? „Menschen müssen spüren, dass Politik ihr Leben verbessert", sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Wenn Politik vor allem erklärt, warum etwas nicht geht, verlieren Menschen Vertrauen. Dann wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten auf komplexe Probleme – genau darin liegt die Gefahr dieser Zeit. Wer demokratische Politik stärken will, muss zeigen: Wir sichern Arbeit, senken Energiekosten, qualifizieren Beschäftigte, stärken Kommunen und schaffen Verlässlichkeit. Kurz: Wir sorgen für eine gute Zukunft."



2026_Resolution

Tausende Arbeitsplätze hängen an Entscheidungen, die jetzt fallen

 In Stahlwerken, Gießereien, im Maschinenbau und bei Automobilzulieferern stehen in den kommenden Monaten zentrale Investitionsentscheidungen an, etwa über neue Produkte und Anlagen, Digitalisierung, Wasserstoff, Elektrifizierung und klimafreundlichere Produktion. Zugleich stehen viele Betriebe unter erheblichem Druck: durch internationale Konkurrenz, hohe Energiepreise, schwache Nachfrage und Konzernentscheidungen, die häufig weit entfernt von Sachsen-Anhalt getroffen werden. Die IG Metall warnt davor, den Strukturwandel bloß zu verwalten. Wer abwartet, riskiert Wertschöpfung, Know-how und tarifgebundene Arbeitsplätze. Wer gezielt investiert, kann Sachsen-Anhalt zu einem modernen Industriestandort machen, der erneuerbare Energie, qualifizierte Facharbeit und wettbewerbsfähige Produktion verbindet. „Viele Beschäftigte wollen Zukunft", so Gröger. „Sie wissen, dass sich Produkte, Märkte und Technologien verändern. Aber sie erwarten zu Recht, dass dieser Wandel nicht auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Wer Industrie erhalten will, darf nicht zuerst über Personalabbau sprechen, sondern über Investitionen, Qualifizierung und neue Arbeit. Wir können nicht die Geschäftsmodelle und Produkte der Vergangenheit konservieren, wenn sich die Märkte andernorts längst grundlegend verändert haben."

Erneuerbarer Strom muss zum Standortvorteil werden

 Sachsen-Anhalt hat einen Vorteil, den viele Industrieregionen so nicht besitzen: viel erneuerbaren Strom im eigenen Land. Anfang 2026 waren rund 5,77 Gigawatt Photovoltaik- und 5,79 Gigawatt Windleistung installiert. Für die IG Metall ist klar: Dieser Vorteil muss in den Betrieben ankommen. „Bezahlbarer Strom muss in den Hallen ankommen. Er entscheidet darüber, ob energieintensive Produktion bleibt oder abwandert", sagt Gröger. Dass Industriestrompreis und Strompreiskompensation künftig kombiniert werden können, begrüßt die IG Metall ausdrücklich. Die Verbindung beider Instrumente war lange gefordert worden und gehörte zu den Ergebnissen des Stahlgipfels beim Bundeskanzler. Sie kann die energieintensive Industrie stabilisieren und Arbeitsplätze sichern – gerade angesichts massiver internationaler Wettbewerbsbelastungen. Zugleich gilt: Die Entlastung darf kein befristeter Sondereffekt bleiben, sondern muss dauerhaft angelegt werden. Darüber hinaus braucht Sachsen-Anhalt schnellere Netze, verbindliche Netzanschlüsse und klare Kapazitätszusagen für große Standorte. Für energieintensive Betriebe müssen Anschlüsse von mindestens 50 bis 60 Megawatt planbar bereitstehen, Strom- und Wasserstoffnetze brauchen feste Zeitpläne. Genehmigungsbehörden sollten digital arbeiten und personell so ausgestattet sein, dass Investitionen nicht in Aktenordnern steckenbleiben.

Öffentliches Geld braucht eine Gegenleistung

Für Betriebe in schwierigen Transformationsphasen fordert die IG Metall einen landeseigenen Transformationsfonds. Er soll eingreifen, bevor Standorte in die Insolvenz rutschen oder strategisch wichtige Produktion abwandert. Öffentliche Unterstützung müsse dabei an klare Bedingungen geknüpft sein. „Wer öffentliches Geld erhält, muss Verantwortung für das Land übernehmen", sagt Gröger. „Förderung darf nicht dazu führen, dass am Ende doch Maschinen abgebaut, Beschäftigte entlassen und Produktion verlagert werden. Öffentliche Millionen brauchen eine klare Gegenleistung: gute Arbeit, Tarifverträge, Mitbestimmung und verbindliche Zusagen für den Standort." Über Vergabe, Förderung und Beteiligungen hat das Land erheblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung. Dieser Einfluss müsse genutzt werden, um Wertschöpfung im Land zu halten und faire Arbeit zu stärken. Ein Aufweichen des landeseigenen Tariftreue- und Vergabegesetzes darf es aus Sicht der IG Metall nicht geben.

Berufsschulen, Weiterbildung, Jobwechsel: Der Umbau braucht Menschen

Der industrielle Wandel entscheidet sich nicht allein an Netzen und Förderbescheiden, sondern auch an den Menschen, die neue Anlagen bedienen, digitale Prozesse steuern, Qualität sichern und neue Produkte herstellen. Dafür braucht es eine umfassende Qualifizierungsoffensive. Die IG Metall fordert einen landesweiten Ausbildungsfonds, moderne und digital ausgestattete Berufsschulen und eine schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Außerdem dürfen Beschäftigte nicht erst Unterstützung erhalten, wenn die Kündigung bereits auf dem Tisch liegt. Deshalb könnte ein landesweites Job-to-Job-Netzwerk entstehen: Beschäftigte aus Betrieben unter Druck sollen frühzeitig in Betriebe mit Personalbedarf wechseln können, damit Erfahrung und Fachwissen im Land bleiben. „Sachsen-Anhalt kann es sich nicht leisten, Facharbeiterinnen und Facharbeiter zu verlieren", so der Gewerkschafter. „Wer heute Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt, sucht morgen händeringend Personal. Kluge Industriepolitik hält Beschäftigte im Land, qualifiziert sie weiter und organisiert Übergänge, bevor Brüche entstehen. Dafür braucht es die richtigen Instrumente."



Geschäftsbericht 2025

Der Sozialstaat entscheidet über Vertrauen

Die IG Metall verbindet ihre industriepolitischen Forderungen mit einer klaren Absage an eine Politik neuer Zumutungen. In der aktuellen Debatte werde Beschäftigten immer wieder dasselbe Signal gesendet: länger arbeiten, flexibler arbeiten, mehr selbst tragen, weniger erwarten. Rente mit 70, Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag, steigende Gesundheitskosten, Leistungskürzungen, mehr Eigenvorsorge, die Streichung von Feiertagen – all das trifft zuerst jene, die jeden Tag arbeiten, Schichten fahren, Angehörige pflegen, Kinder großziehen und dieses Land am Laufen halten. Das bringt Sachsen-Anhalt nicht voran: Wer Beschäftigte immer weiter belastet, löst weder den Fachkräftemangel noch die Investitions- oder Nachfrageschwäche. „Wer über Rente mit 70 spricht, muss zuerst in die Werkhallen, Gießereien, Krankenhäuser, Kitas und Logistikzentren gehen", sagt der Bezirksleiter der IG Metall. „Viele Beschäftigte fragen sich nicht, ob sie bis 70 arbeiten wollen. Sie fragen sich, ob sie überhaupt gesund bis zur heutigen Regelaltersgrenze kommen. Darauf braucht Politik Antworten – keine weiteren Zumutungen."

Wer den Sozialstaat stabilisieren wolle, müsse auch die Einnahmeseite ehrlich diskutieren – aus Sicht der IG Metall bedeutet dies eine solidarische und stärkere Beteiligung sehr großer Vermögen, riesiger Erbschaften und außerordentlicher Krisengewinne. Es sei nicht vermittelbar, zuerst bei Durchschnittsverdienenden, Kranken, Rentnerinnen, Rentnern oder Arbeitslosen anzusetzen, während enorme Vermögen in Relation zu wenig zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen. „Sichere Arbeit und ein verlässlicher Sozialstaat gehören zusammen", so Gröger. „Wer Wandel verlangt und gleichzeitig Sicherheit abbaut, macht Menschen wütend. Die Antwort auf knappe Kassen darf nicht sein, Beschäftigte länger arbeiten zu lassen, den Arbeitstag zu entgrenzen oder Gesundheitsleistungen auszudünnen. Damit schreiben wir den Unternehmen keinen einzigen Auftrag mehr in die Bücher. Wenn Export und Konsum schwächeln, braucht es andere Antworten als die derzeit diskutierten."

 Das ist für die IG Metall auch eine demokratische Frage. Wo Menschen nicht erleben, dass Politik ihr Leben konkret verbessert – dass der Arbeitsplatz sicherer wird, die Berufsschule funktioniert, der Bus fährt, der Arzt erreichbar ist und die Rente zum Leben reicht –, entsteht ein gefährliches Vakuum. Dann gewinnen jene Raum, die einfache Antworten versprechen, Schuldige benennen und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen. Doch Industriearbeitsplätze entstehen nicht durch Parolen, bezahlbare Energie nicht durch Wut. Fachkräfte bleiben nicht wegen lauter Sprüche, sondern wegen guter Arbeit, bezahlbarer Wohnungen, guter Schulen, funktionierender Verwaltung und verlässlicher Daseinsvorsorge. „Demokratie wird stark, wenn Menschen erleben, dass sie wirkt", so Gröger abschließend. „Ein sicherer Arbeitsplatz, ein Tarifvertrag, eine gesunde Arbeitszeit, eine verlässliche Rente, eine gute Gesundheitsversorgung und eine funktionierende Kommune sind keine Nebensachen. Sie sind der Alltag, in dem Vertrauen entsteht. Wenn Politik nur Zumutungen verteilt, aber keine Verbesserungen organisiert, haben die Vereinfacher leichtes Spiel."