„Strukturelle Probleme lassen sich nicht mit Verzicht lösen!“ Tarifrunde 2026 der Metall- und Elektroindustrie nimmt richtig Fahrt auf

Mit der heutigen Sitzung der Großen Tarifkommission der IG Metall geht die Tarifrunde 2026 einen weiteren Schritt:

Große Tarifkommission M&E


In Hannover kamen mehr als 100 Tarifkommissionsmitglieder aus der Metall- und Elektroindustrie der Tarifgebiete Niedersachsen, Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim sowie Sachsen-Anhalt zusammen. Sie empfehlen einstimmig dem Vorstand der IG Metall, den jeweiligen Entgelttarifvertrag fristgerecht zu kündigen. Mit einer entsprechenden Kündigung wären weitere tarifliche Voraussetzungen für die Tarifrunde geschaffen. Die regionalen Tarifkommissionen können dann nach der Sommerpause am 22. September über die Entgeltforderungen beraten und diese für die Tarifrunde beschließen.

Doch nicht nur die Kolleginnen und Kollegen aus den hiesigen Tarifgebieten kamen zusammen: Zeitgleich tagten am heutigen Donnerstag alle regionalen Tarifkommissionen der Metall- und Elektroindustrie bundesweit. Über eine digitale Zuschaltung entstand so ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen Lage und der Stimmung in den Betrieben. Gemeinsam richteten die Tarifkommissionen den Blick auf die betriebliche Realität vor Ort. IG Metall-Vertrauensleute und Betriebsräte berichteten aus den Unternehmen, schilderten die aktuelle Situation der Belegschaften und gaben Einblicke in deren Herausforderungen und Erwartungen. Auf diese Weise entstand ein breit getragenes und differenziertes Lagebild, das eine wichtige Grundlage für die weiteren Beratungen zur Tarifrunde bildet.

„Die Lage der Industrie ist uneinheitlich. Es gibt Branchen, in denen die Herausforderungen größer sind, andernorts brummt die Auftragslage. Die Tarifvertragsparteien haben auch in schwierigen Zeiten stets verantwortungsvolle Lösungen für Beschäftigte und Betriebe gefunden. Das erwarten wir von der Arbeitgeberseite im Herbst ebenfalls!“, erklärt IG Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger.

Der Metaller, der die Tarifverhandlungen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt führt, ergänzt: „Klar ist: Im September werden wir eine Entgeltforderung beschließen – und die wird nicht null sein. Das wäre in der gegenwärtigen Situation auch fahrlässig. Strukturelle Herausforderungen sowie Konsum- und Nachfragezurückhaltung lassen sich nicht durch Verzicht lösen.“

Der private Konsum in Deutschland ist 2026 eine wichtige Stütze der Binnennachfrage, bleibt jedoch aufgrund von Reallohnverlusten und der Verunsicherung durch globale Konflikte gedämpft. Der Energiepreisschock treibt die Inflation erneut an. Zwar stützt der Konsum weiterhin die wirtschaftliche Entwicklung, seine Wirkung wird jedoch durch steigende Energiepreise geschwächt – so die Einschätzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. „Vor diesem Hintergrund wäre eine Entgeltpolitik auf Sparflamme das falsche Signal. Wer den Konsum stärken und die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen will, darf die Einkommen der Beschäftigten nicht ausbremsen. Alles andere wäre ein Schuss ins eigene Knie“, so Gröger.

Bundesweit ist die Metall- und Elektroindustrie der größte industrielle Wirtschaftszweig des verarbeitenden Gewerbes. Entsprechend groß ist die Bedeutung der anstehenden Tarifrunde: In den niedersächsischen Tarifgebieten verhandelt die IG Metall für rund 120.000 Beschäftigte, im Tarifgebiet Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim für weitere 15.000 Beschäftigte. In Sachsen-Anhalt werden Tarifverhandlungen für rund 12.000 Beschäftigte geführt.

Im Oktober treten die IG Metall und die regionalen Arbeitgeberverbände erstmals zu Tarifverhandlungen zusammen. Die Friedenspflicht endet am 31. Oktober. Sollte bis dahin keine Einigung erzielt werden, wären ab dem 1. November Warnstreiks möglich. Dass dies kein theoretisches Szenario ist, hat die Tarifrunde 2024 gezeigt: Damals konnte innerhalb der Friedenspflicht keine Einigung erreicht werden. Erst der Druck von bundesweit rund 600.000 Beschäftigten, die sich an Warnstreiks und Aktionen beteiligten, ebnete den Weg zu einem Tarifabschluss. Die hohe Beteiligung machte deutlich, dass die Beschäftigten bereit sind, ihre Forderungen entschlossen zu unterstützen.