Einstimmig verständigten sie sich auf eine Forderung nach 5 Prozent mehr Entgelt für Beschäftigte und Auszubildende bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Darüber hinaus soll das Tarifergebnis eine soziale Komponente enthalten, die insbesondere den unteren Entgeltgruppen zugutekommt.
Die wirtschaftliche Lage in den Betrieben ist dabei ausgesprochen unterschiedlich. Während einige Unternehmen mit Unterauslastung und tiefgreifenden strukturellen Veränderungen konfrontiert sind, verfügen andere über eine solide Auftragslage und wirtschaftliche Spielräume. Dieses heterogene Bild bestätigt auch die aktivierende Befragung der IG Metall im Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: 46,2 Prozent der Befragten beurteilen die wirtschaftliche Lage ihres Betriebs als gut oder sehr gut, 32,8 Prozent als durchwachsen; rund ein Fünftel schätzt sie als schlecht oder sehr schlecht ein. Für die Beschäftigten bleibt die finanzielle Belastung hingegen hoch. 67,4 Prozent nennen die gestiegenen Lebenshaltungskosten als eines der Themen, die sie derzeit besonders beschäftigen.
59,1 Prozent sorgen sich um die Zukunft ihres Betriebs, 57,5 Prozent um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Nach drei Jahren wirtschaftlicher Schwäche zeichnet sich inzwischen eine vorsichtige konjunkturelle Erholung ab. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognosen für 2026 zuletzt angehoben und erwarten ein Wachstum zwischen 1,2 und 1,4 Prozent. Die Erholung steht allerdings auf einem noch fragilen Fundament. Hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und strukturelle Wettbewerbsprobleme belasten die Industrie weiterhin.
Thorsten Gröger, Bezirksleiter und Verhandlungsführer der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: „Wir haben es mit einer ausgesprochen unterschiedlichen wirtschaftlichen Lage zu tun. Das nehmen wir ernst. Daraus folgt allerdings nicht, dass die Beschäftigten ihren Anspruch auf eine angemessene Entgeltentwicklung zurückstellen sollen. Die Preise haben das Leben dauerhaft verteuert, zugleich hellt sich die konjunkturelle Perspektive auf. Vor diesem Hintergrund ist eine Forderung von 5 Prozent sachlich begründet und wirtschaftlich vertretbar.“
Auch gesamtwirtschaftlich spricht einiges dafür, die Einkommen der Beschäftigten zu stärken. Die privaten Konsumausgaben belaufen sich auf rund 2,4 Billionen Euro jährlich. 2025 stieg der private Konsum preisbereinigt um 1,4 Prozent und erwies sich damit als wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft, während der Außenbeitrag das Wachstum belastete. Die Exportwirtschaft bleibt für Deutschland von herausragender Bedeutung. Eine Volkswirtschaft dieser Größenordnung braucht jedoch ebenso eine stabile Binnennachfrage. Tarifabschlüsse können dazu beitragen, die Kaufkraft der Beschäftigten zu sichern und damit die private Nachfrage zu stabilisieren.
Der Metaller ergänzt: „Tarifpolitik kann Kaufkraft sichern und damit die Binnenwirtschaft stützen. Sie kann aber keine Investitionslücke schließen und keine verlässlichen Rahmenbedingungen für industrielle Produktion schaffen. Darüber wird nicht an den regionalen Verhandlungstischen entschieden. Deshalb braucht es neben einer verantwortungsvollen Tarifpolitik eine Wirtschaftspolitik, die Investitionen und industrielle Wertschöpfung in Deutschland wieder stärker in den Mittelpunkt rückt.“
Neben der Entgeltentwicklung will die IG Metall die Tarifbewegung nutzen, um über die Zukunft von Arbeitsplätzen und Standorten zu sprechen. In der Metall- und Elektroindustrie nehmen Personalabbau, Standortverkleinerungen und die Verlagerung von Produktion und Entwicklung zu. Gleichzeitig erfordert die Transformation erhebliche Investitionen in neue Produkte und Technologien sowie in die Qualifizierung der Beschäftigten. Die bestehenden tariflichen Instrumente zur Zukunfts- und Beschäftigungssicherung sollen deshalb daraufhin überprüft werden, ob sie den veränderten Bedingungen noch gerecht werden oder gezielt weiterentwickelt werden müssen. Ziel ist es, industrielle Substanz und Arbeitsplätze auch unter den Bedingungen von Transformation und globalen Krisen zu sichern. Die soziale Komponente soll zugleich die unterschiedlichen Belastungen innerhalb der Belegschaften berücksichtigen. Beschäftigte mit niedrigen Einkommen, Teilzeitbeschäftigte und Auszubildende wenden einen größeren Anteil ihres Budgets für Wohnen, Energie und Lebensmittel auf. Gerade diese Ausgaben sind von den Preissteigerungen besonders betroffen. Vor dem Hintergrund der ökonomischen Differenziertheit der Branche möchte die IG Metall in den Tarifverhandlungen auch darüber sprechen, wie Beschäftigte in wirtschaftlich besonders erfolgreichen Betrieben angemessen an der positiven Entwicklung beteiligt werden können.
„Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Betrieben gehören auf den Tisch. Sie dürfen aber nicht zum Argument für einen allgemeinen Verzicht der Beschäftigten werden. Wir wollen die unterschiedlichen Ausgangslagen in den Verhandlungen berücksichtigen und zugleich ein Ergebnis erreichen, das bei den Beschäftigten ankommt!“, so der Metaller.
Am 23. September bündelt der IG-Metall-Vorstand die regionalen Beschlüsse zu einem bundesweiten Forderungspaket. Die Entgelttarifverträge laufen am 31. Oktober 2026 aus; mit dem Ende der Friedenspflicht sind ab dem 1. November Warnstreiks möglich. Im Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt beginnen die Verhandlungen in den drei Tarifgebieten am 8. Oktober in Hannover, Osnabrück und Magdeburg.