Die Ausbildungsvergütungen sollen im gleichen Umfang steigen. Der Tarifvertrag läuft am 31. Dezember 2026 aus.
Wer im Supermarkt Erbsen, Tomaten oder Katzenfutter kauft, hat oft ein Produkt dieser Branche in der Hand. Die Feinstblechpackungsindustrie stellt Dosen, Deckel, Verschlüsse und andere Verpackungen aus hauchdünnem Weißblech und Aluminium her. Es ist eine kleine Branche mit starken Wurzeln in Niedersachsen: Mehr als 70 Prozent ihrer Beschäftigten arbeiten hier. Weitere Standorte liegen an der Küste und in der Region Koblenz. Der größte Betrieb ist Sonoco Metal Packaging in Seesen am Harzrand mit rund 400 Beschäftigten.
Die Dosenhersteller haben ein eigenes Tarifwerk mit eigenen Entgelttabellen. Auf Arbeitgeberseite schließt diese Verträge der Arbeitgeberverband der Feinstblechpackungsindustrie, kurz FPI. Der Abschluss vom Dezember 2024 brachte in zwei Stufen 2,0 und 3,1 Prozent und dazu ein deutlich höheres Zusatzgeld. Damit wurden die Einkommen stabilisiert. Inzwischen steigen die Preise aber wieder schneller. Im September lag die Inflationsrate in Niedersachsen bei 3,3 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Dezember 2023 und der dritte Anstieg in Folge. Die letzte Tarifstufe vom Juni wird damit bereits von der Teuerung aufgezehrt.
Getrieben werden die Preise vor allem durch die Energiepreise. Heizöl kostete im September drei Viertel mehr als vor einem Jahr, Diesel gut die Hälfte mehr. Auch die Wohnnebenkosten stiegen um mehr als 5 Prozent. Das trifft gerade Beschäftigte in ländlichen Regionen wie dem Harzvorland. Sie pendeln mit dem eigenen Auto zur Schicht und heizen häufig noch mit Öl. „Wer Tag für Tag für volle Supermarktregale sorgt, muss sich den eigenen Einkauf, den Weg zur Arbeit und eine warme Wohnung auch leisten können“, sagt Mirko Richter, Verhandlungsführer der IG Metall.
Nach drei schwachen Jahren erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für 2026 wieder ein Wachstum von 1,2 bis 1,4 Prozent. Die Branche hat verlässliche Absatzmärkte, denn Konserven und Tiernahrung kaufen die Menschen auch dann, wenn sie sparen müssen. Zum Teil melden Unternehmen der Branche für Europa ein zweistelliges Wachstum bei Tiernahrungsdosen. Sonoco beispielsweise schüttet am Kapitalmarkt an seine Anteilseigner massiv Dividenden aus.
Hinzu kommt der Wettbewerb um Fachkräfte. In der Metall- und Elektroindustrie fordert die IG Metall ebenfalls 5 Prozent. Maschinen- und Anlagenführer, Industriemechanikerinnen und Elektroniker können sich ihren Arbeitgeber in der Region aussuchen. Wenn die FPI-Werke beim Entgelt zurückfallen, verlieren sie zuerst die Bewerberinnen und Bewerber und später die erfahrenen Kräfte.
Die Lebensmitteldose ist eine unscheinbare Erfindung mit großer Wirkung. Sie hält Lebensmittel jahrelang haltbar, ohne Kühlung und ohne Strom. Deshalb empfiehlt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz für den Notvorrat ausdrücklich Konserven. Wenn Lieferketten reißen, der Strom ausfällt oder Krisen die Versorgung bedrohen, bildet sie den Grundstock der Vorräte in Haushalten, Kantinen und Lagern.
Das ist auch amtlich anerkannt. Im März 2020 stufte das Bundesernährungsministerium die Hersteller von Lebensmittelverpackungen als systemrelevant ein. Grundlage war die Leitlinie für kritische Infrastrukturen im Bereich Ernährung. Während andere Betriebe schlossen, liefen in den Dosenwerken die Bänder weiter, damit die Regale voll blieben. Die Dose ist zudem ein Musterbeispiel für Kreislaufwirtschaft. Weißblech lässt sich beliebig oft einschmelzen, ohne an Qualität zu verlieren. In Deutschland werden weit über 90 Prozent der Stahlverpackungen recycelt. Wer Versorgungssicherheit und Klimaschutz ernst nimmt, braucht diese Werke im eigenen Land.
Die IG Metall weiß, welche Lasten auf der Branche liegen. Seit dem 1. Juli gelten neue EU-Regeln für Stahlimporte. Bei Weißblech sind die zollfreien Mengen um fast die Hälfte gesunken, darüber hinaus werden 50 Prozent Zoll fällig. Die Energiepreise steigen erneut. Diese Kosten haben ihren Ursprung in Brüssel, in Berlin und auf den Weltmärkten. Die Beschäftigten haben sie nicht verursacht, und sie dürfen sie auch nicht tragen. Wer ohnehin mehr für Sprit, Heizung und Nebenkosten zahlt, kann nicht zusätzlich bei der Tariferhöhung zurückstecken.
Die Antwort auf teure Vorprodukte und teuren Strom muss die Politik geben. Dafür sollten IG Metall und Arbeitgeberverband gemeinsam eintreten. Sie sprechen für eine systemrelevante Branche und haben gegenüber Landes- und Bundesregierung zusammen mehr Gewicht als jede Seite allein. Die IG Metall fordert seit Jahren einen Industriestrompreis von höchstens fünf Cent je Kilowattstunde. Bei der Ausgestaltung der EU-Stahlregeln braucht die Branche zudem einen verlässlichen Zugang zu Weißblech. „Wir bieten den Arbeitgebern an, gemeinsam in Hannover, Berlin und Brüssel für faire Rahmenbedingungen zu kämpfen“, so Richter. „Am Verhandlungstisch werden wir aber nicht zulassen, dass die Folgen politischer Entscheidungen bei den Beschäftigten abgeladen werden.“
Die erste Verhandlung ist für den 9. Dezember 2026 angesetzt. Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember 2026. Ab Januar sind Warnstreiks möglich.