Die IG Metall hatte ihre Forderung nach fünf Prozent mehr Entgelt für Beschäftigte und Auszubildende bei einer Laufzeit von zwölf Monaten eingehend begründet. Sie stützte sich dabei auf die wirtschaftliche Verfassung der Branche ebenso wie auf die Entwicklung der Kaufkraft und die spürbar gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Arbeitgeberseite ging auf diese Argumente nicht ein und ließ auch keinen eigenen tarifpolitischen Ansatz für die kommenden Gespräche erkennen.
„Wir verschließen die Augen nicht vor den Herausforderungen, denen sich einige Unternehmen gegenübersehen“, erklärt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall und Verhandlungsführer für Sachsen-Anhalt. „Eine schwierige wirtschaftliche Lage enthebt jedoch niemanden der Pflicht, sich mit den Erwartungen der Beschäftigten auseinanderzusetzen. Eben diese Auseinandersetzung steht nach dem heutigen Tag noch aus.“
Die Beschäftigten haben in den vergangenen Jahren viel geschultert, betont Gröger: „Sie haben Produktion und Prozesse an neue Bedingungen angepasst, Flexibilität ermöglicht und industrielle Wertschöpfung auch unter widrigen Umständen gesichert. Zugleich ist das Preisniveau dauerhaft gestiegen. Eine verantwortungsvolle Tarifpolitik muss beidem gerecht werden.“
Dass die wirtschaftliche Lage in der Branche auseinanderklafft, bestreitet die IG Metall nicht. Unternehmen unter erheblichem strukturellem oder konjunkturellem Druck stehen Betrieben mit solider und teils sehr guter Auslastung und echten Spielräumen gegenüber. Eine seriöse Tarifpolitik nimmt diese Unterschiede ernst. Sie darf daraus aber keinen Automatismus ableiten, der wirtschaftliche Unsicherheit allein auf die Einkommen der Beschäftigten abwälzt.
„Wer über Wettbewerbsfähigkeit spricht, darf den Blick nicht auf Arbeitskosten verengen“, sagt Gröger. „Industrielle Zukunft erwächst aus Investitionen, Innovation, Produktivität und qualifizierten Fachkräften. Die entscheidende Frage lautet deshalb, wie Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze in Sachsen-Anhalt dauerhaft gesichert werden können. Mit einem Kostenwettbewerb nach unten lässt sie sich nicht beantworten.“
Bis zur zweiten Verhandlungsrunde am 29. Oktober erwartet die IG Metall von den Arbeitgebern, ihre Position zu konkretisieren und eigene Vorstellungen für einen tariflichen Ausgleich vorzulegen. In den Tarifgesprächen will die IG Metall eine soziale Komponente im Tarifergebnis verankern, um untere Entgeltgruppe überproportional zu berücksichtigen. Ferner will die Gewerkschaft das Thema der Beschäftigungssicherung mit der Arbeitgeberseite besprechen. „Unser Ziel bleibt eine Verständigung am Verhandlungstisch“, führt Verhandlungsführer Gröger aus. „Dazu bedarf es auch auf Arbeitgeberseite die Bereitschaft, Interessen auszugleichen und Verantwortung zu übernehmen. Wir bringen diese Bereitschaft mit. Nun ist es an den Arbeitgebern zu zeigen, dass auch sie diese Tarifrunde gestalten wollen.“
Am 31. Oktober 2026 endet die Friedenspflicht, vom 1. November an sind Warnstreiks möglich. Die verbleibenden Wochen wird die IG Metall nutzen, um die Beschäftigten über den Verhandlungsstand zu unterrichten und die weiteren Schritte vorzubereiten.