Erst die Mutter, dann die Töchter Weitere Tarifverträge im VW-Umfeld unter Beschuss

Volkswagen ist nicht das einzige Unternehmen, das Tarifverträge kündigt. Am selben Tag sind Volkswagen Group Services, die Wolfsburg AG und AutoVision nachgezogen. Die IG Metall verurteilt diesen orchestrierten Angriff. Die Belegschaften bereiten sich auf die Auseinandersetzung vor.

2024-12-09 Warnstreik VW

5. Oktober 2026 5. Oktober 2026


Volkswagen ist nicht das einzige Unternehmen, das Tarifverträge kündigt. Am selben Tag sind Volkswagen Group Services, die Wolfsburg AG und AutoVision nachgezogen. Die IG Metall verurteilt diesen orchestrierten Angriff. Die Belegschaften bereiten sich auf die Auseinandersetzung vor.

Jahrzehntelang galt die Volkswagen-Welt als Musterbeispiel: Nie krisen- und konfliktfrei, doch am Ende lösungsorientiert zusammen mit der Belegschaft. Der 30. September hat dieses Bild vollständig zerstört und stellt eine Zäsur im Konzern sowie dessen Umfeld dar. An diesem Tag hat die Volkswagen AG zehn Tarifverträge gekündigt, die die zentralen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten regeln. Damit war der erste Stein gefallen, und weitere folgten binnen Stunden. Auch die Volkswagen Group Services GmbH, die Wolfsburg AG und AutoVision haben tarifliche Regelungen gekündigt. Betroffen ist die sogenannte Tarifgemeinschaft mit rund 1.000 Beschäftigten. Sie umfasst die Belegschaften der Autostadt GmbH und der Wolfsburg AG sowie die Kernbelegschaften der Volkswagen Group Services GmbH und der AutoVision GmbH. Diese Unternehmen schließen mit der IG Metall einheitliche Tarifverträge ab, damit über alle Firmengrenzen hinweg dieselben Standards bei Entgelt, Arbeitszeit und Leistungen gelten. Die Kündigungen werden zum 1. Januar 2027 wirksam.

Einzig die Autostadt hat sich dem Dominoeffekt entzogen und nichts gekündigt. Die drei übrigen Unternehmen haben den Tarifvertrag über die tarifliche Zusatzvergütung gekündigt, der seit Januar 2019 gilt. Hinzu kommt § 4.3 des Mantel- und Entgeltrahmentarifvertrags, der die tarifliche Freistellungszeit als Wandlungsoption der tariflichen Zusatzvergütung regelt.

Der Zeitpunkt offenbart die Absicht. Am 29. September hatte die Tarifkommission der IG Metall ihre Forderung einstimmig beschlossen: fünf Prozent mehr Geld ab Januar 2027, bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die Arbeitgeber ließen keine 24 Stunden vergehen, um mit Kündigungen zu antworten. „Volkswagen hat sich jahrzehntelang mit dem Begriff der Sozialpartnerschaft geschmückt. Davon ist nichts mehr übrig. Sozial ist an diesem Vorgehen nichts, partnerschaftlich noch weniger“, erklärt Katja Brammertz, Tarifsekretärin der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Das ist ein offener Affront gegen die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft. Partner suchen gerade in schwierigen Zeiten gemeinsam nach Lösungen. Sie entziehen einander nicht über Nacht die Grundlage der Zusammenarbeit. Die Mutter hat den ersten Stein angestoßen, die Töchter sind ohne Zögern mitgefallen. Hier wird gezielt eine Abwärtsspirale bei den Arbeitsbedingungen in Gang gesetzt.“

Die Beschäftigten der Tarifgemeinschaft halten den Konzern Tag für Tag am Laufen. „Ausgerechnet ihnen jetzt die Zusatzvergütung zu entziehen, zeugt von erschreckender Geringschätzung“, so Gewerkschafterin Brammertz. „Die Arbeitgeber erhöhen den Druck, verwechseln dabei aber Schock mit Wehrlosigkeit. Gemeinsam bereiten wir nun eine Auseinandersetzung vor, wie es sie bei den Volkswagen-Töchtern noch nicht gegeben hat. Bei Volkswagen und in jedem Unternehmen der Tarifgemeinschaft schließen wir die Reihen. Zum Jahreswechsel werden die Arbeitgeber die Folgen ihres Handelns zu spüren bekommen.“

Gekündigte Tarifverträge gelten bis zum Ende ihrer Laufzeit weiter. Danach wirken sie nach, allerdings nur für Beschäftigte, die zu diesem Zeitpunkt Mitglied der IG Metall sind. Wer erst später eingestellt wird oder eintritt, ist davon ausgeschlossen. Mit dem Ende der Friedenspflicht sind ab dem 1. Januar 2027 Warnstreiks möglich.