Die Metall- und Elektroindustrie im Westen Niedersachsens hat ihre Tarifverhandlungen ohne jede Annäherung begonnen. Im Tarifgebiet Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim wiesen die Arbeitgeber die Forderung der IG Metall grundsätzlich zurück. Einen eigenen Gegenentwurf blieben sie schuldig.
Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Entgelt für Beschäftigte und Auszubildende bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Diese Forderung ist das Ergebnis einer nüchternen Abwägung. Sie erkennt die wirtschaftliche Verfassung der Branche ebenso wie die Entwicklung der Kaufkraft und eine Teuerung, die sich in den Haushalten der Beschäftigten längst dauerhaft niedergeschlagen hat.
„Wer an einen Verhandlungstisch kommt, sollte mehr mitbringen als ein Nein“, sagte Markus Wente, Verhandlungsführer der IG Metall für das Tarifgebiet. „Wir haben eingehend dargelegt, weshalb unsere Forderung wirtschaftlich vertretbar und sozial geboten ist. Eine Erwiderung in der Sache steht bis heute aus. Zum Auftakt einer Tarifrunde mag dies gängige Praxis sein, als Grundlage ernsthafter Verhandlungen genügt es nicht. Bis zur zweiten Runde müssen die Arbeitgeber Farbe bekennen.“
„Unsere Region verdankt ihre industrielle Stärke den Menschen, die in den Werkhallen und Büros Tag für Tag herausragende Arbeit leisten“, sagte Stephan Soldanski, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Osnabrück. „Sie haben die Umbrüche der vergangenen Jahre nicht bloß hingenommen, sie haben sie mit Sachverstand und Ausdauer gestaltet. Zugleich erfahren sie Monat für Monat, wie stark die Kosten für Wohnen, Energie und Lebensmittel gestiegen sind. Wer diese Leistung ernsthaft würdigen will, muss ihr auch in den Entgelten angemessen Ausdruck verleihen.“
Dass die wirtschaftliche Lage innerhalb der Branche erheblich auseinanderfällt, stellt die IG Metall keineswegs in Abrede. Unternehmen, die mit verhaltener Nachfrage, tiefgreifendem Strukturwandel oder hohem Investitionsbedarf ringen, stehen Betrieben mit gefestigter Geschäftslage und guter Auslastung gegenüber. Wo ein Unternehmen nachweislich in Bedrängnis geraten ist, bietet der Tarifvertrag entsprechende Lösungen. Eine allgemeine Zurückhaltung bei den Entgelten lässt sich aus einzelnen Krisenfällen jedoch nicht herleiten. „Eine allgemeine Krisenrhetorik von Arbeitgeberseite wird der Unterschiedlichkeit der Branche nicht gerecht. Es brennt weder überall lichterloh noch wachsen die Bäume überall in den Himmel. Die Wahrheit liegt in der Mitte und gehört auf den Verhandlungstisch!“, so Soldanski weiter.
Mit Blick auf die Region hebt die IG Metall zudem einen Gesichtspunkt hervor, der in der Debatte um Kosten häufig untergeht. Wettbewerbsfähigkeit gründet auf Investitionen, Innovationskraft und qualifizierten Fachkräften, und um eben diese Fachkräfte und den Nachwuchs wird der Wettbewerb härter. Betriebe, die angemessen bezahlen, sichern damit ihre eigene Zukunft. Zugleich fließt jeder zusätzliche Euro in den Taschen der Beschäftigten zu einem guten Teil in Handel, Handwerk und Dienstleistungen vor Ort zurück.
Das Tarifgebiet verhandelt eigenständig, ist jedoch wie Niedersachsen und Sachsen-Anhalt in den gemeinsamen Rahmen der bundesweiten Tarifrunde eingebunden. Die zweite Verhandlungsrunde ist für den 30. Oktober anberaumt. Am 31. Oktober 2026 endet die Friedenspflicht, vom 1. November an sind Warnstreiks möglich. „Wir haben den Arbeitgebern die Hand gereicht und streben eine Einigung am Verhandlungstisch an“, sagt Wente. „Ob sie diese Hand ergreifen, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Lassen sie die Frist bis zum Ende der Friedenspflicht ungenutzt verstreichen, werden die Beschäftigten ihren Erwartungen selbst Nachdruck verleihen.“