Sozialverträglicher Personalabbau bleibt ein schwerer Einschnitt Tarifvertrag bei der IAV schützt Beschäftigte bis Ende 2028 vor betriebsbedingten Kündigungen

Nach monatelangen Verhandlungen haben sich IG Metall und IAV auf einen Zukunftstarifvertrag verständigt.

IAV Aktion

5. August 2026 5. August 2026


Kern der Einigung ist der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis zum 31. Dezember 2028. Gleichzeitig hält das Unternehmen an seinem angekündigten Stellenabbau fest und will die Belegschaft bis Ende 2027 auf 2.970 Beschäftigte reduzieren. Das Unternehmen will nun über ein sogenanntes Ansprache- und Freiwilligenprogramm versuchen, Beschäftigte zur Auflösung ihrer Arbeitsverhältnisse zu bewegen. Um dies zu erreichen, haben Unternehmen und Betriebsrat einen Sozialplan vereinbart, der die Zahlung von Abfindungen vorsieht. Allerdings ist bisher unklar, wen das Unternehmen ansprechen will und wer bleiben soll. Das sorgt für reichlich Unsicherheit in den Belegschaften. Aus Sicht der IG Metall sorgt der Tarifvertrag dafür, dass momentan niemand mit einer betriebsbedingten Kündigung rechnen muss. Daneben begrenzen Interessenausgleich und Sozialplan die sozialen Folgen einer unternehmerischen Entscheidung, die viele Kolleginnen und Kollegen hart treffen wird.

„Nach Monaten voller Unsicherheit über den Fortbestand der IAV ist es gelungen, die Voraussetzungen für den Erhalt von fast 3000 Arbeitsplätzen zu schaffen und die Beschäftigten vor Kündigungen zu schützen. Niemand sollte unterschätzen, wie schwierig diese Verhandlungen waren. Deshalb bin ich froh, dass wir betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2028 ausschließen konnten. Das gibt den Menschen eine gewisse Verlässlichkeit in einer Phase, die von großen Sorgen geprägt ist“, erklärt Thilo Reusch, Verhandlungsführer der IG Metall.

Der Kündigungsschutz gilt grundsätzlich bis Ende 2028. Eine Ausnahme ist lediglich vorgesehen, falls die von der Geschäftsführung angestrebte Zielgröße von 2.970 Beschäftigten bis zum 30. Juni 2028 nicht erreicht wird. Selbst dann wären betriebsbedingte Kündigungen erst ab dem 1. Juli 2028 und ausschließlich mit Zustimmung des Betriebsrats möglich.

Darüber hinaus konnten weitere Eingriffe in tarifliche Standards verhindert oder begrenzt werden. Die IG Metall wehrte Forderungen nach einer ab 1. Januar 2026 von der Geschäftsführung geplanten Arbeitszeit- und Einkommensreduzierung ebenso ab wie die Einführung einer zukünftigen tariflichen 40-Stunden-Woche und die Kürzung von Urlaubsansprüchen. Auch weitere finanzielle Belastungen für die Beschäftigten wurden verhindert oder zumindest abgemildert.

Trotz dieser Ergebnisse bewertet die IG Metall die Entwicklung bei IAV mit großer Sorge. Nach den Planungen der Geschäftsführung soll die Belegschaft bis Ende 2027 auf 2.970 Beschäftigte sinken. Damit würden mehr als 40 Prozent der heutigen Arbeitsplätze entfallen. Rechnet man das bereits zuvor beschlossene und 2024 umgesetzte Abbauprogramm von 600 Arbeitsplätzen hinzu, ist perspektivisch sogar mehr als jeder zweite Arbeitsplatz betroffen.

„Wir dürfen den Tarifabschluss nicht mit der unternehmerischen Entscheidung zum Stellenabbau vermischen. Der Tarifvertrag mildert die Folgen ab. Er verhindert sie nicht. Für viele Kolleginnen und Kollegen bleibt die Nachricht schmerzhaft, weil Arbeitsplätze verschwinden werden. Das ist eine Realität, die niemand kleinreden sollte“, so der Gewerkschafter.

Reusch betont zugleich, dass die IG Metall den eingeschlagenen Kurs des Unternehmens kritisch sieht. „Aus unserer Sicht wäre dieser Personalabbau jedenfalls in dieser Größenordnung vermeidbar gewesen. IAV verfügt über hervorragend qualifizierte Beschäftigte und enormes technologisches Know-how, das hier am Standort Deutschland jetzt vernichtet wird. Wir haben Alternativen aufgezeigt und dafür geworben, neue Geschäftsfelder konsequenter und schneller zu erschließen. Die Geschäftsführung hat sich für einen anderen Weg entschieden. Unsere Aufgabe war es, die Beschäftigten bestmöglich zu schützen.“

Betriebsräte und IG Metall haben in den Verhandlungen wiederholt Vorschläge eingebracht, um zusätzliche Geschäftsfelder zu entwickeln und damit mehr Arbeitsplätze zu sichern. Die Unternehmensleitung setzt nach Einschätzung der Arbeitnehmerseite dagegen weiterhin auf Personalabbau und die Verlagerung von Arbeit ins Ausland.

Der Zukunftstarifvertrag enthält zugleich aber verbindliche Zusagen der Geschäftsführung für eine bessere Zukunft. Das Unternehmen verpflichtet sich, zusätzliche Aufträge und neues Geschäft zu gewinnen sowie Umsatz und Ertrag zu steigern. Für sämtliche Standorte sollen bis spätestens Ende März 2027 Vereinbarungen abgeschlossen werden, die Auslastung, Kompetenzentwicklung und Beschäftigungsperspektiven regeln und konkrete Maßnahmen zur strategischen Weiterentwicklung enthalten.

„Mit der Unterschrift endet unsere Arbeit nicht. Jetzt beginnt der Teil, in dem sich zeigen muss, ob die Geschäftsführung ihre eigenen Zusagen einhält. Die Beschäftigten haben einen Anspruch darauf, dass nach dem Personalabbau tragfähige Perspektiven geschaffen werden und die verbleibende Beschäftigung hier gesichert wird. Daran werden wir das Unternehmen messen“, führt Reusch aus.

Der Metaller verweist darauf, dass der Abschluss unter außergewöhnlich schwierigen Rahmenbedingungen zustande gekommen sei. Während der Verhandlungen habe die Unternehmensleitung wiederholt mit einem Insolvenzverfahren gedroht. Diese Gefahr ist mit dem Abschluss laut Geschäftsleitung jetzt vom Tisch. Auch der größte Anteilseigner habe seine weitere Unterstützung von einer Einigung abhängig gemacht. Unter diesen Voraussetzungen sei es gelungen, zentrale tarifliche Schutzrechte zu sichern.

Besonderen Dank richtet die IG Metall an ihre Mitglieder, Betriebsräte, Vertrauensleute sowie die Tarif- und Verhandlungskommissionen. Über viele Monate hätten sie Proteste organisiert, Verhandlungen begleitet und in einer von großer Unsicherheit geprägten Situation Zusammenhalt bewiesen. Dieser Rückhalt habe entscheidend dazu beigetragen, den Kündigungsschutz durchzusetzen und weitergehende Einschnitte abzuwenden.

„Viele hätten sich ein anderes Ergebnis gewünscht. Mit unserem Tarifvertrag haben wir einen soliden Schutzschirm geschaffen, unter dem betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind. Dennoch wird die Zahl der Arbeitsplätze sinken. Das ist für die IAV, ihre Beschäftigten und die Kommunen mit IAV-Standorten eine schmerzhafte Entwicklung. Ohne diesen Abschluss wäre die Lage für die Belegschaft jedoch erheblich unsicherer. Jetzt erwarten wir, dass das Unternehmen seinen Teil der Verantwortung übernimmt und die zugesagten Perspektiven für Standorte und Beschäftigung tatsächlich schafft“, so Reusch abschließend.