Stellungnahme zum HAZ-Artikel „Rente mit 63" Herr Hüppe betreibt Stimmungsmache auf dem Rücken langjährig Beschäftigter

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, erklärt zur Kritik des UVN-Hauptgeschäftsführers Benedikt Hüppe an Ministerpräsident Olaf Lies und zu den Vorschlägen der Rentenkommission:

Thorsten Gröger Bezirksleitung Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

7. August 2026 7. August 2026


„Nicht die Kritik an den Vorschlägen der Rentenkommission ist das eigentlich anstößige. Fassungslos macht vielmehr, mit welcher sozialen Vergessenheit der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, Benedikt Hüppe, über Menschen spricht, die 45 Jahre und länger gearbeitet, Beiträge gezahlt und den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes erwirtschaftet haben.

Herr Hüppe erweckt den Eindruck, Beschäftigte könnten sich mit 63 Jahren bequem und auf Kosten anderer in den Ruhestand verabschieden. Das ist falsch und irreführend. Die sogenannte ‚Rente mit 63‘ gibt es für heutige Jahrgänge längst nicht mehr. Besonders langjährig Versicherte können gegenwärtig erst mit 64 Jahren und sechs Monaten nach 45 Versicherungsjahren abschlagsfrei in Rente gehen. Die Altersgrenze steigt künftig auf 65 Jahre. Wer trotzdem ständig von der ‚Rente mit 63‘ spricht, führt keine sachliche Debatte. Er benutzt ein politisches Schlagwort, um Stimmung gegen langjährige Beschäftigte zu machen.

Hüppes Argumentation, die Lebensleistung eines Menschen bilde sich bereits vollständig in den Rentenpunkten ab, greift viel zu kurz. Rentenpunkte sagen nichts darüber aus, ob jemand 45 Jahre im Schichtsystem gearbeitet, schwere körperliche Arbeit geleistet oder unter dauerhaftem Zeit- und Leistungsdruck gestanden hat. Sie sagen nichts über gesundheitlichen Verschleiß und nichts darüber, ob ein Beschäftigter überhaupt realistisch bis 67 durchhalten kann. Sie sagen auch nichts darüber aus, dass die Lebenserwartung dieser Beschäftigtengruppe deutlich niedriger ist.

Wer mit 16 oder 17 Jahren eine Ausbildung begonnen hat, seit Jahrzehnten im Betrieb steht und 45 Versicherungsjahre erreicht, bekommt kein Geschenk. Diese Menschen haben sich einen abschlagsfreien Rentenzugang hart erarbeitet. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie lange jemand Rente bezieht. Die entscheidende Frage lautet, wie lange dieser Mensch zuvor gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt hat.

Die Folgen für die Beschäftigten

Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren hätte für viele Beschäftigte ganz konkrete Konsequenzen: Sie müssten entweder länger arbeiten, obwohl gesundheitliche Belastungen dies kaum zulassen, oder früher gehen und lebenslang Abschläge hinnehmen.
Damit würden gerade diejenigen bestraft, die besonders früh ins Erwerbsleben eingestiegen sind. Vor allem Beschäftigte in Produktion, Montage, Logistik, Pflege, Handwerk und Schichtarbeit. Menschen mit langen und belastenden Erwerbsbiografien würden vor die Wahl gestellt: länger arbeiten zulasten der eigenen Gesundheit oder dauerhaft weniger Rente.

Das ist keine Rentenreform. Das ist eine Rentenkürzung durch die Hintertür.

Wegfall des Blockmodells gefährdet die industrielle Transformation

Besonders gefährlich ist zudem der geplante Wegfall des Blockmodells der Altersteilzeit. Darüber wird in der öffentlichen Debatte bislang viel zu wenig gesprochen. Dabei ist dieses Modell ein wesentlicher Bestandteil zahlreicher betrieblicher Transformationsstrategien.
Im Blockmodell arbeiten Beschäftigte zunächst in einer aktiven Phase weiter und wechseln anschließend in eine Freistellungsphase. Für die Beschäftigten schafft das einen planbaren und sozial abgesicherten Übergang in den Ruhestand. Für die Unternehmen ermöglicht es einen geordneten Personalumbau, ohne Beschäftigte einfach vor die Tür zu setzen.

Fällt das Blockmodell weg, verlieren Beschäftigte diese Planungssicherheit.

Viele müssten trotz jahrzehntelanger Belastung länger im Betrieb bleiben oder finanzielle Einbußen hinnehmen. Gleichzeitig würden Unternehmen und Betriebsräte eines der wichtigsten Instrumente verlieren, um Personalabbau sozialverträglich zu gestalten.

Das hätte gerade in der Automobilindustrie, der Zulieferindustrie sowie in der Metall- und Elektroindustrie gravierende Folgen. In vielen Betrieben müssen gleichzeitig Arbeitsplätze gesichert, Qualifikationen verändert, neue Technologien eingeführt und Personalstrukturen angepasst werden. Altersteilzeit schafft hier Übergänge, eröffnet jüngeren Beschäftigten Perspektiven und hilft, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.

Ohne das Blockmodell drohen härtere Personalabbauprogramme, größerer Druck auf ältere Beschäftigte und mehr Konflikte in den Betrieben. Aus einem sozial gestalteten Übergang würde ein kalter Personalabbau. Wer das Blockmodell abschaffen will, legt die Axt an bewährte Transformationsvereinbarungen und erschwert genau den industriellen Umbau, den die Arbeitgeber ansonsten ständig einfordern.

So verspielt man Vertrauen

Herr Hüppe wirft der Politik vor, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verspielen. Tatsächlich verspielt das Vertrauen der Beschäftigten, wer ihnen nach 45 Versicherungsjahren den abschlagsfreien Rentenzugang nehmen und zugleich bewährte Brücken in den Ruhestand einreißen will. 
Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass Menschen immer länger arbeiten müssen. Sie entsteht durch Investitionen, Innovationen, Qualifizierung, gute Arbeitsbedingungen und eine sozial gestaltete Transformation.

Ministerpräsident Olaf Lies hat deshalb recht, wenn er darauf besteht, dass Lebensleistung und unterschiedliche Erwerbsbiografien berücksichtigt werden müssen. Die Vorschläge der Rentenkommission sind kein ausgewogenes Gesamtpaket. Sie gehen an entscheidenden Stellen zulasten der Beschäftigten.“