Osnabrück - Nun geht es darum, weitere industrielle Projekte nach Osnabrück zu holen und möglichst allen Kolleginnen und Kollegen eine gute Anschlussperspektive zu eröffnen.
Die Zukunft des Volkswagen-Standorts Osnabrück bekommt Konturen. Mit den heute vereinbarten Eckpunkten für den Übergang der Volkswagen Osnabrück GmbH in eine neue Gesellschaft ist ein wichtiger Schritt erreicht. Für Betriebsrat und IG Metall vor Ort eröffnet sich damit die konkrete Möglichkeit, Osnabrück als Industriestandort zu erhalten. Am Ziel ist die gesamte Belegschaft damit allerdings noch nicht – aber es kann eine Perspektive für einen sehr großen Teil, nämlich ungefähr drei Viertel der aktuellen Beschäftigtenzahl, entstehen.
„Wir sind noch nicht am Ziel. Aber mit der heutigen Entscheidung haben wir den Fuß in der Tür, damit Osnabrück Industriestandort bleibt“, erklärt Stephan Soldanski, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Osnabrück. „Nach der langen Hängepartie der vergangenen Monate ist das zunächst eine wichtige Nachricht für die Kolleginnen und Kollegen. Diese Ungewissheit war eine Zumutung. Umso bemerkenswerter ist, dass die Belegschaft in dieser Zeit ihren Auftrag mit beeindruckender Qualität und Leistung erfüllt hat. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Möglichst viele Kolleginnen und Kollegen müssen aus der bisherigen Beschäftigung in neue, gute und verlässliche Arbeit geführt werden.“
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei VW: „Die Belegschaft in Osnabrück hat immer wieder bewiesen, dass sie Wandel kann und Verantwortung für die Zukunft des Standorts übernimmt. Jetzt kommt es darauf an, diesen Übergang gemeinsam mit den Beschäftigten und ihrer Interessenvertretung zu gestalten. Eine neue industrielle Perspektive für Osnabrück und die Region bedeutet vor allem Sicherheit für die Beschäftigten und ihre Familien. Dass sie sich heute eröffnet, ist insbesondere dem beharrlichen Engagement und engen Zusammenspiel von Belegschaft, Landesregierung, Betriebsrat und Gewerkschaft zu verdanken. Der heutige Schritt eröffnet Chancen für den Standort, entbindet Volkswagen jedoch nicht von der Aufgabe, auch für die verbleibenden Beschäftigten verlässliche Zukunftsperspektiven zu schaffen.“
Die geplante Entwicklung zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen kann dafür eine wichtige industrielle Grundlage schaffen. Die angekündigte Zusammenarbeit mit Rafael Advanced Defense Systems wäre ein erstes Ankerprojekt. Entscheidend ist aus Sicht von Betriebsrat und IG Metall nun, weitere Projekte und Partnerschaften nach Osnabrück zu holen und damit dauerhaft industrielle Wertschöpfung in der Stadt und der Region zu sichern.
Dafür bringt der Standort vieles mit. Seine industrielle Geschichte ist eng mit Karmann verbunden. Über Jahrzehnte hat sich Osnabrück immer wieder auf neue Produkte, Technologien und Marktanforderungen eingestellt. Diese Fähigkeit zur Veränderung gehört bis heute zu den besonderen Stärken des Standorts. Die Beschäftigten haben sie zuletzt erneut unter Beweis gestellt: Trotz der anhaltenden Unsicherheit wurde die Arbeit mit hoher Qualität und großem Engagement fortgeführt.
„Die Kolleginnen und Kollegen hier haben in ihrer Geschichte vielfach gezeigt, dass sie Veränderung können“, sagt Jürgen Placke, Betriebsratsvorsitzender der Volkswagen Osnabrück GmbH. „Die Übernahme unseres Werks durch Aurelius und das Land Niedersachsen ist ein erster großer Erfolg. Ich bin stolz auf unsere Belegschaft, die den Kopf nicht in den Sand gesteckt hat, sondern selbst hart für ihre Zukunft gearbeitet hat. Als Arbeitnehmervertreter haben wir erreicht, dass auch in Zukunft die Tarifbindung innerhalb der Metall- und Elektroindustrie für unsere Kolleginnen und Kollegen erhalten bleibt. Darüber hinaus gibt die Beschäftigungssicherung bis einschließlich 2029 ein gutes Stück weit Sicherheit und Planbarkeit. Es ist unsere erste Beschäftigungssicherung seit der Übernahme durch VW vor rund 16 Jahren. Unser Ziel ist es jetzt, weitere Projekte an den Standort zu holen, die allen Beschäftigten Beschäftigung garantieren.“
Die Fahrzeugproduktion des T-Roc Cabriolet wird wie vereinbart im Spätsommer 2027 auslaufen. Umso wichtiger ist es, den Übergang frühzeitig und gemeinsam mit der Belegschaft zu gestalten. Aus Sicht von Betriebsrat und IG Metall gilt dabei ein klarer Anspruch: von guter Arbeit in gute Arbeit. Die vorhandenen Kompetenzen, die Erfahrung der Beschäftigten und die industrielle Infrastruktur sollen die Grundlage für neue Tätigkeiten bilden.
Die Verantwortung dafür bleibt auch bei Volkswagen. Mit der Vereinbarung von 2024 hatte der Vorstand die Verpflichtung übernommen, für die Standorte nachhaltige Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Diese Verantwortung endet nicht mit der nun möglichen Überführung des Osnabrücker Werks in eine neue Gesellschaft. „Wir werden diesen Prozess konstruktiv begleiten. Aber wir nehmen den Volkswagen-Vorstand nicht aus der Pflicht, Verantwortung für alle Kolleginnen und Kollegen am Standort zu tragen“, betont Soldanski. „Die IG Metall hat in dieser langen und schwierigen Phase Verantwortung für die Belegschaft übernommen – und wir werden das auch weiterhin tun. Entscheidend ist, dass aus den heutigen Eckpunkten konkrete industrielle Perspektiven entstehen und möglichst viele Menschen hier dauerhaft gute Arbeit finden.“
Die jetzt angesteuerte Lösung bietet Zukunft für knapp 1400 der derzeit insgesamt 1800 Beschäftigten - und versorgt somit rund drei Viertel der Belegschaft mit einer Anschlussperspektive. Abzüglich einer weiteren Reduzierung der Belegschaft in der näheren Zukunft, zum Beispiel über Rente und Altersteilzeit, entsteht eine derzeitige Sollgröße für das neue Kompetenzzentrum von rund 1200 Stellen. Für diese Zahl der 1200 greift auch eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029. Es handelt sich dabei um die erste Beschäftigungssicherung am Standort seit der Karmann-Insolvenz und der Übernahme durch Volkswagen vor rund 16 Jahren.
Mit den heutigen Vereinbarungen ist ein wichtiger Schritt gemacht. Jetzt kommt es darauf an, daraus eine tragfähige industrielle Zukunft zu entwickeln. Entscheidend werden die konkrete Ausgestaltung der neuen Gesellschaft, weitere industrielle Projekte und Partnerschaften, Investitionen und vor allem die Frage sein, wie viele Beschäftigte langfristig am Standort gehalten werden können.