Gewerkschaften machen am 26. September gegen Sozialabbau mobil! Malochen bis der Tod anklopft?

„Alles zu teuer“ – dieser Vorwurf sagt oft mehr über die Haltung seines Absenders aus als über den Sozialstaat selbst.

Wehende IG Metall-Fahnen.

14. September 2026 14. September 2026


Natürlich müssen soziale Sicherungssysteme dauerhaft finanzierbar sein. Aber ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in der Höhe ihrer Ausgaben. Sie sind Teil des gesellschaftlichen Vertrags über Arbeit: Menschen leisten über Jahrzehnte ihren Beitrag und erwarten dafür Sicherheit in Lebensphasen, in denen sie nicht mehr oder nicht mehr vollständig für sich selbst sorgen können. Die Debatte über Rente und Altersteilzeit sollte deshalb nicht allein um die Frage kreisen, was sich der Staat leisten kann. Sie muss ebenso klären, wie die Finanzierung auf eine breitere und dauerhaft tragfähige Grundlage gestellt werden kann – und was Beschäftigte nach einem langen Arbeitsleben von dieser Gesellschaft erwarten dürfen.

 Unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ rufen der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Mitgliedsgewerkschaften am 26. September 2026 bundesweit zu Aktionen für einen starken Sozialstaat und gegen den Kahlschlag auf. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt finden zentrale Aktionen in Hannover und Magdeburg statt. In der niedersächsischen Landeshauptstadt beginnt die Demonstration um 11.30 Uhr am Waterlooplatz, die Kundgebung folgt um 12.30 Uhr auf dem Georgsplatz. Hauptredner ist der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Zudem sprechen Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von Volkswagen, und Andrea Wemheuer, Landesleiterin von ver.di Niedersachsen-Bremen. DGB-Bezirksvorsitzender Dr. Ernesto Harder und Hans-Joachim Lenke von der Diakonie Niedersachsen diskutieren über die sozialen Folgen des geplanten Sozialabbaus und die Bedeutung sozialer Sicherheit für die Demokratie. In Magdeburg beginnt die zentrale Kundgebung um 11 Uhr auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof.

Für die IG Metall gehört zur Rentendebatte eine Frage, die in der politischen Diskussion häufig zu kurz kommt: Wie sieht ein Erwerbsleben aus, an dessen Ende Menschen gesund in den Ruhestand gehen können? Gerade in der Industrie sind die Voraussetzungen dafür höchst unterschiedlich. Schichtarbeit, körperliche Belastungen und jahrzehntelange hohe Arbeitsintensität prägen die Erwerbsbiografien vieler Beschäftigter.

Das macht die Altersteilzeit zu einer wichtigen tarifpolitischen Frage – zumal derzeit auf Bundesebene über ihre künftige Ausgestaltung diskutiert wird. Sollte die Bundesregierung den Empfehlungen der Rentenkommission folgen, könnte der Zugang zu Altersteilzeit für viele Beschäftigte deutlich schwieriger werden. Mit massiven Folgen. Insbesondere das Blockmodell bietet Beschäftigten die Möglichkeit, die Arbeitszeit zunächst weiter zu leisten und anschließend vollständig aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Für viele Beschäftigte ist das ein planbarer Übergang nach Jahrzehnten der Arbeit.

Gerade in der gegenwärtigen industriellen Lage gewinnt dieses Instrument zusätzlich an Bedeutung. In zahlreichen Industrieunternehmen wird Beschäftigung abgebaut. Besonders deutlich zeigt sich das in der Automobilindustrie. Wenn Produktionsvolumina dauerhaft zurückgehen, stellt sich die Frage, wie Kapazitätsanpassungen erfolgen können, ohne daraus unmittelbar Massenentlassungen zu machen. Altersteilzeit kann hier einen sozialverträglichen Weg eröffnen. Frei werdende Arbeitsplätze können über natürliche Fluktuation und vorgezogene Übergänge abgebaut werden, ohne dass Beschäftigte unmittelbar ihren Arbeitsplatz verlieren. Gleichzeitig können Unternehmen den Wissenstransfer organisieren und jüngeren Beschäftigten Perspektiven eröffnen. Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: „Wenn in der Automobilindustrie Tausende Arbeitsplätze abbaut werden und gleichzeitig die Altersteilzeit geschwächt wird, dann steht uns allen irgendwann das Wasser bis zum Hals. Wenn Kapazitäten sinken, braucht es einen geordneten Übergang statt Massenentlassungen. Altersteilzeit kann genau das leisten: Beschäftigung sozialverträglich anpassen, ohne Menschen aus ihrem Arbeitsleben herauszureißen.“

Die Meta-Diskussion über die Finanzierung des Sozialstaats muss nach Auffassung der IG Metall zugleich über die Einnahmeseite geführt werden und nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel von Belastungen. Die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung beruht heute im Wesentlichen auf den Beiträgen abhängig Beschäftigter. Die IG Metall spricht sich für eine breitere Finanzierungsbasis der gesetzlichen Rentenversicherung aus. Nicht allein klassische sozialversicherungspflichtige Beschäftigung darf die Grundlage der Finanzierung bilden. Auch andere Erwerbsformen und Einkommensquellen müssen in eine langfristig tragfähige Reform einbezogen werden. Konkret sollten Selbständige, Politiker und Beamte ebenfalls in ein einheitliches System einzahlen. 

Gleichzeitig liegt ein erheblicher Teil der Lösung in der Stärkung der Erwerbsarbeit selbst. Mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, höhere Löhne und mehr Tarifbindung bedeuten höhere Beitragseinnahmen. Eine Politik, die gute und produktive Arbeitsplätze stärkt, betreibt damit zugleich Sozialpolitik. IG Metall-Bezirksleiter Gröger erklärt: „Bei den Beschäftigten wird über jeden Euro für soziale Sicherheit diskutiert, als wäre er eine Zumutung. Dabei sind es gerade die Beschäftigten, die dieses System über Jahrzehnte mit ihren Beiträgen finanzieren. Wer immer nur fragt, was der Sozialstaat kostet, sollte stattdessen auch fragen, wer von der wirtschaftlichen Leistung profitiert und wer die Lasten trägt.“

Auch die demographische Entwicklung verlangt nach einer differenzierten Antwort. Die Zahl der Erwerbstätigen, die Entwicklung der Produktivität, die Verteilung von Arbeit und Einkommen gehören ebenso in die Debatte wie das Renteneintrittsalter. Eine nachhaltige Finanzierung der sozialen Sicherung kann nicht daraus bestehen, die individuelle Lebensarbeitszeit immer weiter auszudehnen. Für die IG Metall ist deshalb entscheidend, die Voraussetzungen zu verbessern um gesund die Rente zu erreichen. Arbeitszeiten, Schichtsysteme, ergonomische Arbeitsplätze, Qualifizierung und betriebliche Gesundheitsförderung beeinflussen maßgeblich, ob Menschen ihren Beruf bis zum Renteneintritt ausüben können. „Es ist bequem, den Menschen aus dem Kanzleramt heraus einfach zu sagen, sie müssten länger arbeiten. Schwieriger ist die Frage, unter welchen Bedingungen sie das können. Wer jahrzehntelang Schicht gearbeitet oder körperlich schwere Arbeit geleistet hat, braucht keine politischen Ratschläge zum Durchhalten, sondern einen vernünftigen Weg in die Rente.“, so der Metaller.

Auch die häufig bemühte Gegenüberstellung von Beitragszahlern und Leistungsempfängern führt in die Irre. Menschen durchlaufen unterschiedliche Phasen ihres Lebens. Wer heute arbeitet und Beiträge zahlt, kann morgen selbst auf Leistungen angewiesen sein. Das Prinzip der Sozialversicherung besteht gerade darin, Risiken nicht individuell zu privatisieren, sondern sie solidarisch über die Gemeinschaft und über die Lebenszeit hinweg abzusichern. Eine Reform des Sozialstaats muss deshalb an seiner langfristigen Stabilität ansetzen, nicht an der schlichten Reduzierung seiner Leistungen. Dazu gehört eine solide Einnahmebasis, gute Beschäftigung, eine angemessene Beteiligung unterschiedlicher Einkommensgruppen und eine Arbeitswelt, in der Menschen gesund bis zum Ruhestand gelangen können.

Die IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ruft ihre Mitglieder auf, sich an den Soziaalstaat-Aktionen in Hannover und Magdeburg zu beteiligen.