Magdeburg, 29. Oktober 2026. Die zweite Tarifverhandlung für die Metall- und Elektroindustrie in Sachsen-Anhalt endet ohne Ergebnis. Der Verband der Metall- und Elektroindustrie Sachsen-Anhalt e. V. (VME) legt erstmals ein Angebot vor, es offenbart allerdings geringen Verhandlungswillen. Zwei Tage vor Ende der Friedenspflicht sind Warnstreiks ab dem 1. November damit vorgezeichnet.
Die Arbeitgeber bieten eine Einmalzahlung im Juli 2027 in Höhe von einem Prozent des durchschnittlichen Jahresbruttos im Tarifgebiet. Was das in Sachsen-Anhalt konkret bedeuten soll, bleibt offen: Der VME verweigerte auf mehrfache Nachfrage jede Angabe eines Euro-Betrags. Die Beschäftigten sollen also ein Angebot bewerten, das die Arbeitgeberseite nicht einmal selbst zu beziffern bereit ist — ein bemerkenswerter Vorgang in Tarifverhandlungen. Die Einmalzahlung verpufft, sobald sie ausgezahlt ist. Und sie steht obendrein unter Vorbehalt: Über die automatische Differenzierung sollen Betriebe sie streichen können. Die Entgelttabelle soll erst zum 1. Juli 2028 um 1,3 Prozent steigen, bei einer Laufzeit von 26 Monaten. Zwanzig Monate lang gäbe es damit kein dauerhaftes Plus.
„Dieses Angebot ist zu niedrig, es kommt zu spät und bindet die Beschäftigten zu lange“, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt und Verhandlungsführer für Sachsen-Anhalt. „Angesichts steigender Preise läuft es auf eine knallharte Minusrunde hinaus. Die Arbeitgeber sprechen von Bewegung. Die Beschäftigten werden dieses sogenannte Angebot jedoch als das erkennen, was es tatsächlich ist: eine Zumutung. Besonders befremdlich ist, dass die Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt trotz mehrfacher Nachfrage während der Verhandlung nicht einmal bereit waren, die Höhe der angekündigten Einmalzahlung zu beziffern. Wer ein Angebot vorlegt, sollte zumindest sagen können, was es konkret beinhaltet.“
Bemerkenswert ist, was die Arbeitgeber im Gegenzug verlangen. Ihre Liste ist länger als ihr Angebot:
- Die automatische Differenzierung soll ausgeweitet und dauerhaft verankert werden.
- Krankenstände und die Senkung von Krankheitskosten sollen tariflich verpflichtender Gesprächsgegenstand werden.
- Gleiches soll für den Einsatz künstlicher Intelligenz gelten.
Was das Angebot verschweigt, wiegt schwerer als das, was es enthält. Zu Investitionen in Produkte und Standorte findet sich darin nichts von Substanz. Auch zu Qualifizierung und zur Sicherung von Arbeitsplätzen nicht. Dabei sind genau das die Fragen, an denen sich die Zukunft der Industrie in Sachsen-Anhalt entscheidet.
Ebenso beredt ist das Schweigen zur tariflichen Gewinnbeteiligung. Die Arbeitgeber verweisen unablässig darauf, wie unterschiedlich die Lage in den Betrieben ist. Für schwache Betriebe wollen sie mehr Spielraum nach unten. Eine Beteiligung der Beschäftigten dort, wo Unternehmen gut verdienen, kommt in ihrem Angebot dagegen nicht vor und lehnen sie explizit ab. So bleibt die Differenzierung eine Einbahnstraße: Die Risiken sollen die Beschäftigten tragen, die Erträge bleiben beim Unternehmen.
„Die Arbeitgeber sprechen von Transformation und meinen Kostensenkung“, betont der Gewerkschafter. „Einen Wandel dieser Größenordnung finanziert man mit Investitionen, mit Qualifizierung und mit Vertrauen. Mit dem Entgeltverzicht der Belegschaften lässt er sich nicht stemmen.“
Was die IG Metall erreichen will
- Mehr Geld: 5 Prozent mehr Entgelt und Ausbildungsvergütung bei zwölf Monaten Laufzeit.
- Soziale Komponente: Untere Entgeltgruppen sollen überproportional profitieren.
- Sichere Arbeitsplätze: Die tariflichen Instrumente zur Beschäftigungssicherung sollen weiterentwickelt werden.
- Anteil am Erfolg: In starken Betrieben sollen die Beschäftigten über eine tarifliche Gewinnbeteiligung teilhaben.
Am 31. Oktober endet die Friedenspflicht. Ab Anfang November ruft die IG Metall die Beschäftigten in Sachsen-Anhalt zu Warnstreiks auf. Eine dritte Verhandlungsrunde ist gegenwärtig noch nicht terminiert. „Die Arbeitgeber hatten zwei Runden Zeit, ein ernsthaftes Angebot vorzulegen. Sie haben sich für eine Provokation entschieden“, unterstreicht der Bezirksleiter. „Die Antwort geben ab dem 1. November die Belegschaften. Wie lange und wie entschieden sie ausfällt, liegt allein in den Händen der Arbeitgeber.“